Betrug

Dieser Text gewann 2017 den ersten Preis beim 34. Wettbewerb „Junges Literaturforum Hessen-Thüringen“ und wurde in der Preisträgeranthologie „Nagelprobe 34“ veröffentlicht. Weiterhin gewann er den diesjährigen hr2-Literaturpreis. Lukas Benjamin Engel (Filmmakersprofil) hat ihn dankenswerterweise vorgetragen. Ein Dankeschön auch an Franz Himmighofen für die wunderbare Illustration.

Betrug Franz Himmighofen

Wir hatten drei Wochen Sturm. Trotz der Medikamente nur Schlaflosigkeit, ständiger Brechreiz und lebensgefährliche Arbeit an Deck bei null Sicht. Wir sind mit einem ganzen Containerschiff voller Plastikspielzeug von China aus nach Kopenhagen gefahren, wo wir ausnahmsweise für ein paar Stunden Landgang bekamen. Von hier aus soll es dann weiter nach Riga gehen, wo wir einen neuen Auftrag kriegen. Das Spielzeug ist irgendein billiges Imitat, ganze Tonnen haben wir davon. Nach China wird es in ein paar Jahren auch wieder zurückgeschifft, wo es dann zu Reißverschlüssen oder so recycelt wird. Und dann wieder von vorne.

Fester Boden unter den Füßen, das heißt für mich, wieder etwas von meiner Würde zurückzubekommen. Die Stürme haben uns gezeigt, dass wir auch nur Plastikspielzeug sind. Ich will die seltene Gelegenheit nutzen, etwas zum Rauchen zu besorgen. Auf dem Schiff gibt es ziemlich viele Leerlaufphasen. Nach einer Weile geht einem das Kartenspielen auf den Sack und sonst hat man einfach zu viel Zeit zum Nachdenken. Das bekommt mir gar nicht gut, da ist es gesünder, wenn ich die Zeit mit Kiffen ein bisschen rumkriege. In der Ferne entdecke ich den spiralförmigen Kirchturm, der direkt am Eingang von Christiania liegt, neben Amsterdam das größte Refugium tolerierten Cannabisverkaufs in Europa.

Ich betrete Christiania durch den verdunkelten Eckeingang. Die Zugänge des Green Light Districs werden von mit schwarzen Halstüchern und Wollmützen maskierten Männern bewacht, die riesige Kolben rauchen und sich an Feuertonnen wärmen. »I’d like to have ten gram of that dark hash«, sage ich einem Typen um die vierzig, der seine fettigen Haare unter ein Cap geklemmt hat. Er grinst und sagt: »Yeah, yeah, as usual.« Er beißt ein größeres Stück von einer Platte ab und tütet es ein, ohne es noch mal zu wiegen. »750 Kroner.« Ich muss die Scheine gegen das Licht halten, um den richtigen Betrag herauszugeben.

Ich setze mich auf einen Baumstamm weiter oben, von wo aus man auf das Café und die wuselnden Touristen gucken kann. Im Halbdunkel um mich herum sitzen Pärchen und Einsame, kleinere Grüppchen, reden dänisch, englisch und Sprachen, die ich nicht kenne. Ab und zu kommt ein Dunkelhäutiger vorbei und sucht in den Böschungen nach Pfand. Ich ziehe die Fackel an, atme aus, lege den Kopf in den Nacken und schaue mir einfach so die weißen Knöpfe am Himmel an.

»Darf ich mich zu dir setzen?« Schnapsfahne, rundes Gesicht, liebenswürdig unterwürfig. Habe ich den nicht schon mal irgendwo gesehen? Ich bin froh, nach den ganzen Monaten mal wieder Deutsch zu hören, und fühle mich ganz redselig.

»Klar.« Er setzt sich auf den Baumstamm und hält mir zwinkernd die Flasche hin. Ich nehme einen Schluck und reiche ihm die Lunte.

»Was treibt dich hierhin? Kommst du aus Deutschland?«

»Ich arbeite auf einem Containerschiff. Vor einem Jahr ist mir die Luft in Deutschland zu dick geworden, weißt du, da bin ich dann einfach zu denen hingegangen und habe für ein Bett, Essen und kleines Geld auf dem Schiff angeheuert.«

»Wirklich? Ich habe gehört, dass es so was nicht mehr gibt. Also ich dachte, man braucht ’ne Ausbildung oder so was.«

»Jaja, ich hatte aber Glück, weil ich kannte da einen, der hat das dann irgendwie gedreht, weiß auch nicht mehr so genau. Wie sieht’s bei dir aus?«

»Miese Sache. Hab mich ’ne Zeit in Berlin so durchgeschlagen, hatte so’n Job als Heizungsableser. Dann war da so’n Verrückter, ein richtiger Messi, hat einfach behauptet, ich hätte dem was gestohlen. War natürlich völliger Quatsch, ich mein, die Bude war so zugemüllt, der hätte doch niemals sagen können, dass da was fehlt. Aber das war meiner Firma egal, der Polizei auch, und ich bin da einfach nicht hingegangen. Sehe ich nicht ein, die wollten mir nur eins auswischen von der Firma, weil der Chef mich nicht ausstehen konnte. Da bin ich dann erst mal hierhin und versuche, mich irgendwie durchzukriegen. Ist verdammt schwer, viel zu teuer alles. Will schnell wieder weg, hab aber keine Kohle, um von dieser Insel wieder runterzukommen. Aber du könntest mir dabei helfen.« Er zieht ein silbernes Benzinfeuerzeug aus der Tasche. Im Glanz des Laternenlichts kann man auf der Vorderseite in verschnörkelter Schrift S. T. Dupont Paris lesen. Hübsches kleines Ding.

»Ist echt, keine Frage. War ’n Geschenk von meinem Alten. Die Imitate erkennt man daran, dass sie viel leichter sind. Außerdem sind die Scharniere bei den Nachgemachten meistens leicht verbogen, sodass es sich entweder nicht gut anzünden lässt oder die Kappe nicht sauber abschließt. Probier mal.«

Ich drehe das Feuerzeug in meiner Hand und überprüfe die Scharniere, zünde damit die ausgegangene Lunte in meinem Mundwinkel an. Beim Aufklappen macht es einen sattes Pling. Ich habe mal jemanden gekannt, dem das sehr gefallen würde.

»Echtes Silber. Ist neu an die fünfhundert Euro wert, in dem Zustand mindestens dreihundertfünfzig. Aber ich brauche dringend Geld, um aus dieser Stadt zu kommen, weißt du, also ich würd’s dir einfach für zweihundert verkaufen. «

Es erinnert mich sehr an Enno. Ich stelle mir vor, wie er in seinem Sessel sitzt und es beim Reden auf- und zuschnappen lässt. Wie er sich darüber freut, Fremden Feuer zu geben, pling und die Kippe glimmt. Würde er es nehmen, wenn ich bei ihm einfach an der Tür klopfe? Würde er mir überhaupt aufmachen?

»Ich habe noch tausend Kronen und ein paar Münzen. Reicht das?«

Er schweigt. Der Dunkelhäutige von vorhin kommt vorbei und fischt aus einer Mülltonne eine Coladose. Er dreht sie um, lässt die braune Suppe ins Gras klatschen und schüttelt noch ein bisschen nach, bevor er weiterzieht.

»Ja, das passt. Ist genug, um von hier wegzukommen.«

Er zieht noch einmal vom Dübel und schnippst ihn runter auf die Pavillons, wo er funkend abprallt und irgendwo zwischen den Leuten verschwindet.

Von meinem letzten Geld fahre ich zum Hafen und suche den Containerterminal. Kein Schiff in Sicht. Richtiger Terminal? Ich zum nächsten Terminal, wieder nichts. Ich drehe nervös das Feuerzeug in meiner Tasche. Ich setze mich an den Kai, lasse die Füße über dem Wasser baumeln und drehe noch einen Joint. Ein Schiff fährt nicht ohne volle Besatzung los, das ist Unsinn. Auf dem Wasser dümpelt eine Plastikflasche. Ich habe gehört, dass es so was nicht mehr gibt. Also ich dachte, man braucht ’ne Ausbildung oder so was.

In der Stadt entdecke ich einen Pawn Shop, aber der Verkäufer lacht, als ich ihm das Feuerzeug hinlege. Fälschung. Er könne mir dafür vielleicht 50 Kronen geben. Nein, das kann nicht sein, ich versuche, ihn davon zu überzeugen, dass er falsch liegt, hier, schauen sie, die Scharniere und das Gewicht. Hören Sie? Pling! Er schüttelt den Kopf, er könne nichts machen. Jaja, nichts zu machen. Gehe hinaus, schleppe mich über den Bürgersteig. Es wäre sowieso sinnlos gewesen, Enno das Feuerzeug zu geben. Was habe ich mir dabei gedacht? Da ist nichts mehr zu machen, das habe ich verkackt. Ich hole das billige Imitat aus der Tasche und lasse es aufschnappen. Das Pling erstirbt ziemlich schnell, ist eigentlich kein Pling, sondern halt einfach nur ein Schnappen. Wie sinnlos. Ich brauche dringend Geld.

In Christiania beobachte ich einen jungen Typen mit deutschem Akzent, der sich Haschisch kauft. Er muss die Scheine gegen das Licht halten, um den richtigen Betrag herauszugeben. Da ist einiges drin. Ich folge dem Typen und sehe, wie er sich weiter oben auf dem Baumstamm einen Joint dreht. Er zündet ihn an und legt den Kopf in den Nacken. Ich warte ein paar Minuten ab.

»Darf ich mich zu dir setzen?«

»Klar.« Er inhaliert und hält mir die Tüte hin, dann fragt er: »Wo kommst du her, was verschlägt dich hierhin?«

»Ich hatte vor längerer Zeit mal einen Job als Heizungsableser in Berlin. Dann hat mich jemand wegen irgendeiner erfundenen Gaunerei angeschwärzt, naja, irgendwie gingen dann ein paar andere Sachen in die Brüche und dann bin ich hierhergekommen. Seit dem versuche ich, mich hier durchzubringen. Und du?«

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