Gleich wieder da

Glassplitter im Fuß. Das passierte ihm immer häufiger und kümmerte ihn immer weniger. Er bahnte sich seinen Weg durch umgestoßene Aschenbecher, Chipstüten, in denen nur noch Reste waren, unbeschriftete CD-Rohlinge, zerdrückte Zigarettenschachteln, Pizzakartons mit Pizzarändern, Bierflaschen, in denen nur noch ein vergessener Schluck war, schmutzige Wäsche und vollgerotzte Taschentücher. Unterwegs trat er einer schlafenden Person, die er nicht kannte, auf die Hand. Er war sich sicher, dass mindestens zwei Finger gebrochen waren. Keine Reaktion. Im Badezimmer gab es keine Spiegel, hier schaute sich niemand in sein Gesicht. Er gab sich mit dem Radkappen-großen Fleck zufrieden, der dort anstelle eines Spiegels hing. Er pisste ins Waschbecken. Unter der Decke schwebten tote Fische. Im Wohnzimmer trat er ausversehen auf den drei beinigen Hund. Er heulte lang und gedehnt auf, schien nicht mehr aufzuhören. Völlige Überforderung, er wusste nicht, was er mit ihm tun sollte. Hier und da regten sich ein paar Köpfe, die sich kurz darauf wieder uninteressiert umdrehten. Er nahm die versiffte Bong, in der ein Schluck stygisches Wasser unheilvoll umherschwappte. Er füllte das Köpfchen mit einer Mixtur aus Autoreifen, Blei, Tabakkrümeln und ein paar Marijuanaresten, zündete es an und zog es tief in seine Lunge, seine Seele. Wirklich high war er schon lange nicht mehr gewesen, es ging ihm nur noch darum, einen gewissen Zustand des Vergessens aufrechtzuerhalten, der ihn diese schmierige Situation vergessen lies, den Zustand der ihn die Namen der anonymen Gestalten um ihn herum vergessen machte. Manche von ihnen gingen noch zur Schule und lebten hier, manche kamen nur ein zwei Mal im Jahr vorbei. Er suchte auf dem Boden nach ein wenig Kleingeld, packte den Hund am Halsband und verließ die Wohnung. Er setzte den Hund draußen auf dem Boden ab. Mit einem Ausdruck unendlicher Treue in den Hundeaugen blickte ihn das Tier an, unfähig sich zu bewegen. Es war noch früh. Es war niemand hier.

Der Araber im Kiosk war gerade alleine, als er sein Hab und Gut gegen eine Fliege verteidigte, die Ausdruck eines übergeordneten, abstrakten Prozesses der Natur war, alles auf diesem Planeten wieder zu formloser Masse werden zu lassen. Er schnippte die Chitin-Reste in den Papierkorb. Er nannte das „Menschlichkeit“. Ein Mann kam durch die Tür, kaufte eine Tüte Milch, Longpapes und ein Bier. Er hatte nicht genug Geld, er sagte er sei im Moment ein bisschen schwach auf der Brust. Der Araber schenkte ihm die 20 Cents, die ihm fehlten. Der Mann verschwand wieder. Der Araber blickte auf die Uhr. Es war Zeit, er schloss den Laden ab und hängte ein „Bin gleich wieder da“-Schild vor die Tür. Er mischte sich einen Gin-Tonic und vergaß sich. Aus dem städtischen Abfallbehälter vor dem Kiosk jaulte es.

Frühstück in der Höhle. Ausgedrückte Joints wurden angehauen, Chipsreste und Pizzaränder wurden gemeinschaftlich verzehrt, die Wesen erinnerten sich an die vergessenen Bierschlücke und husteten blutigen Auswurf in die vollgerotzten Taschentücher. Ein Fernseher lief stumm, der schlechte Empfang zerriss das Bild. Die Hyänen krochen durch ihre eigenen Kadaver auf der Suche nach Essbaren. Einer saß in der ecke und trank frische Milch. Die Luft war übersättigt von Rauch, Schimmel und allgemeinen Überdruss. Die Temperatur stieg an, man schwitzte. Zwei stritten sich heftig, der eine vermisste plötzlich seinen Dackel, der andere hielt ihm zwei gebrochene Finger unter die Nase, bevor er ihm damit eine reinhaute. Einer trank grauen Apfelsaft, der keinen Geschmack hatte. Einer dachte an eine Frau, die er nie gesehen hatte. Waren es überhaupt seine Gedanken? In der Höhle war es weniger wichtig seinen eigenen Besitz zu deklarieren als den anderen zu sagen, was ihnen gehörte. Die Grenzen verschwammen. Die Fische unter der Decke schwammen nicht mehr. Der mit der Milch schnappte sich irgendein Portemonnaie und verließ die Wohnung für immer. Er hörte die Schreie der Walrösser noch im Treppenhaus. Es waren modrige Anschuldigungen, die sich um längst vergessene Angelegenheiten drehten. Vielleicht würde dieses Loch irgendwann verbrennen, keiner würde es vermissen. Er wusste nicht warum, aber er dachte an eine verkrüppelte Fliege, die sich unter der Last zerknüllter Zeitschriften an einem Fetzen Salami stärkte.

Er kam am Kiosk vorbei und blickte aus reiner Neugier heraus in den Abfallbehälter. Der Hund war schon tot. Als er in den Kiosk blickte, sah er den Araber kotzend über einen Papierkorb. „Bin gleich wieder da“.

Es war eine rein logische Schlussfolgerung gewesen. Er war austauschbar geworden, kam sich durchsichtig und unwichtig vor. Seine Persönlichkeit, seine gesellschaftliche Rolle, all das hatte keine Bedeutung für niemanden. Sein Vorname war von einem Bekannten durch Pseudonyme ersetzt worden und den Nachnamen hatte er schon vergessen. Er wusste weder wer er war, noch wo er herkam. Er wusste nicht mal, wie er aussah. Er hatte kein Interesse für sich selbst und daraus musste ein Desinteresse an allem anderen resultiert sein. Alle Fragen, die er sich gestellt hatte, hatte er sich immer mit einem „Und wenn schon“ beantwortet. Er sprach nur noch in Phrasen, er wusste nicht einmal mehr, was sie bedeuteten. Er verließ sich selbst an Ort und Stelle. Die letzten Reste seines Ichs verflüchtigten sich an der frischen Luft.

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