Zirkulationen

Eine Motte zieht ihre Kreise um das monospektrale Licht einer Straßenlaterne, die sich gelangweilt in die Dunkelheit hineinlehnt. Der schwellende Rhythmus des Windes bringt den Falter zum flackern, bis er von dem zuckrigen Leuchten eines Kerzenlichts angezogen wird. In großen, ausufernden Bewegungen nähert sie sich der Fensterscheibe, hinter welcher der Wachs als zähe Klumpen in eine Marmorschale tropft.
Ich sitze in einem abgedunkelten Zimmer und höre das Klopfen eines Insekts an meinem Fenster, das versucht in meine Behausung einzudringen. Der Raum wird von den schillernden Irrlichtern meines stummgeschalteten Fernsehers beleuchtet. An der Wand ein Fleck, der ein bisschen wie ein Fisch aussieht. Aus der Küche dringt das Brummen des Kühlschranks, durch den Kühlflüssigkeit gepumpt wird. Damit das Bier gekühlt wird und der Alkohol später zusammen mit meinem Blut durch meinen Körper gepumpt wird. Ich höre, wie das Abwasser meiner Nachbarn durch das Haus gepumpt wird und die Autos, die auf den Straßen durch die Nacht gepumpt werden. Auf der grellen Mattscheibe, im Teleshoppingkanal, wird ein Staubsauger vorgeführt, der alles erdenkliche in konzentrischen Kreisen aufsaugt. Ein Plagiat. Immer das Gleiche, nur jedes Mal anders. Der Fleck an der Wand sieht nun ein bisschen anders aus. Könnte auch ein Fahrrad sein. Oder ein Papagei. Was weiß ich. Jeh mehr ich den Fleck anstarre, desto weiter entfernt er sich von mir. Ein billiges Mantra, wie wenn man sich zu lange im Spiegel ansieht oder seinen Namen zu oft sagt. Ich wechsel den Sender und schaue einen Film, in dem ein Mädchen in einem blauen Kleid vor seinen Eltern hin und her hüpft. Die Eltern rufen es zurück, aber dann fällt es hin und schürft sich auf den matten Kiessteinen ein Knie auf. Ein schönes, blutendes Knie, das an der Sonne glitzert und mit dem blauen Stoff ihres Kleides verklebt. Aber ich schalte wieder zurück, wo der Staubsauger, eine schwarze Schnecke, über den Boden leckt. Ich muss hier raus.
Die Straßen glänzen und werfen einen trüben Schein auf die umliegenden Fassaden. Ich lasse mich eine Runde um den Block treiben. Irgendwann bleibe ich an einem schwach beleuchteten Schaufenster hängen, in dem sich Papiere bis unter die Decke stapeln. Vor meinen Füßen landet ein Zigarettenstummel und als ich nach oben blicke, sehe ich im Gegenlicht der Laterne nur noch ein Rauchwölkchen sich verflüchtigen. Ich verirre mich in einen Kiosk, wo ein alter Mann mit einer Zeitung seinen Besitz gegen eine Fliege verteidigt. Die beiden machen keine Bewegung, als ich mir eine Bierflasche aus dem Kühlschrank nehme und dem alten Mann das Geld hinlege. Ich öffne die Flasche und ziehe meine Kreise durch die Straßen. Ob ich mal eben Feuer habe, fragt einer. Er hat zwar verkrustete Lippen, aber ich finde ihn auch irgendwie liebenswürdig mit seinen strubbeligen Augenbrauen. Ich bereue es, nie mit dem Rauchen angefangen zu haben. Das sage ich ihm auch und entschuldige mich. Ich gehe ein paar Meter und krame dabei in meiner Tasche, wo ein Mikrofaserputztuch ist, das ich zwischen Daumen und Zeigefinger reibe. Auf dem Markt ist ganz schön was los, ein paar Leute trinken Bier, ein paar Leute trinken Kaffee, eine Frau trägt eine grobmaschige Wollmütze. Kinder lassen Ballons steigen, ich werde euphorisch. Es ist neunzehn Uhr, ehrlich gesagt trinkt hier kein Mensch Kaffee. Ehrlich gesagt ist der Platz menschenleer. Die Leuchtreklame eines Supermarktes zieht mich an. Eine Wendeltreppe, ein Schneckengehäuse, fleckiger Stahl. In einer Nische steht ein zugeknoteter Plastiksack. Der Gestank von heißem Gummi. Meterlange Reihen von Halogenröhren. Ein Rattenlabyrinth. Ein Kühlregal, Alaskaseelachsschnitzel (Lachsersatz). Was ersetzt den Lachs? Auf der Rückseite steht „Alaska Seelachs (theragra chalcogramma), gefangen im Nordostpazifik. Mir wird ein wenig übel, ich glaube, dass es besser wird, wenn ich den Lachsersatz mitnehme. Bayerntaler Scheibenkäse ohne Gentechnik, laktose- und glutenfrei. Kleine grüne Häkchen auf der Verpackung bestätigen das. In Ordnung, mitnehmen. Ferdi-Fuchs-Miniwürstchen. 5x20g. Ferdi-Fuchs spielt Frisbee und isst dabei Schweinewurst. Ferdi-Fuchs fährt Fahrrad und isst dabei ein Leberwurstbrot. Sympathischer Typ,
dieser Ferdi. Einpacken. Schinkenspicker verrät „Bei uns weiß man, was drin ist“. Dr. Boris Preuss und Nicole Riechelmann lächeln zustimmend vor einer Landidylle mit Windmühle posierend. Nicole hat Dr. Boris einen gelutscht, die Drecksfotze, desshalb durfte sie aufs Foto. Dr. Boris sammelt einfach nur Spielzeug-LKWs, sonst ist mit ihm nicht viel los. Wie von selbst kommt die Schinkenspickerwurst in mein Körbchen. Ich bin gerührt, als ich zu dem Spielzeugregal gelange. Ein Mädchen, das mit dem magischen Baumpalast für Elfenponys spielt. Das ist wirklich ein enormer Baumpalast und die Ponys haben alle eine Halskette mit einem magischen Glitzerkristall. Ich bin mir sicher, dass das meiner Lebenslage den entscheidenden Schub bringen wird, deshalb kommt auch das in meinen Korb. Mein kleines rotes Körbchen. Er ist auf Rollen und hat einen langen Griff, den man ausziehen kann. Ich fühle mich wie auf einen Flughafen, als stünde mir eine
weite Reise bevor. Paris Hilton singt „Stars are blind“ und ich fühle mich prächtig. Elektrische Zahnbürsten, Werkzeug, Kopfhörer, CD-Rohlinge, Motoröl, ewige Verdammnis, Wischmobs, Battarien. Die Regale sind dezimiert, der Laden wird bald schließen. Überall, wo die Regale fehlen, ist die Wand mit Plakaten der Art „Einfach Traubhaft“ „Mama Mia, Köstlich Frisch“, „Kerngesund und Saftig“ zugekleistert. An der Kasse kann ich von der Impulsware nicht genug bekommen, Schokoriegel, Schlüsselanhänger, Prepaidkarten, ich kaufe alles. Ich lasse mich raustreiben und stehe vor der Tankstelle an der kühlen Luft. Ferdi-Fuchs steht mitten auf der Kreuzung und trinkt dabei Benzin.
Ich zünde mir eine Zigarette an und gehe wieder zum Markt zurück. Auf dem Boden sitzt das Mädchen mit dem blauen Kleid, das sich mit äußerster Behutsamkeit die Kruste vom Knie knibbelt. Dabei summt es eine kurze Melodie, immer wieder von vorne. Ich bleibe ein wenig auf Distanz und schaue dem Mädchen zu, wie es Kastanien mit flinken Händen vom Boden aufliest und in eine Plastiktüte gleiten lässt. Ein kleiner Vogel landet vor ihr und sie lässt die Tüte fallen. Die Kastanien kullern über den matten Asphalt und sie singt „Komm, kleines Vögelchen“. Sie läuft dem Vogel hinterher und ich meinerseits laufe ihr hinterher. Sie ist ungewöhnlich schnell und ich habe Mühen mit ihr Schritt zu halten. Manchmal schlägt sie Haken, macht Purzelbäume, hopst im Kreis und ich schaffe es immer noch nicht, ihr auf den Fersen zu bleiben. Ich folge ihr in einen Park, wo sie am Ufer eines kleinen Bachs entlangtapst. Schlamm, in dem ich mit meinen Füßen stecken bleibe. Schorfige Baumrinden, an denen ich mir meine Hemdsärmel aufreiße. Schließlich bleibt sie an einer Stelle stehen, wo der Bach in eine unterirdische Führung hineinragt. Vorsichtig taucht sie ihren kleinen Fuß in das Wasser und bewegt sich plätschernd in die absolute Dunkelheit. Ich bleibe stehen und zögere, ihr in den Tunnel zu folgen. Doch sie singt „komm, kleines Vögelchen“ und ich folge ihr in das Dunkel. Eine Motte zieht ihre Kreise um das monospektrale Licht einer Straßenlaterne, die sich gelangweilt in die Dunkelheit hineinlehnt.

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