Wohlfühltemperatur

Irgendwann im Juni hatte Ben das Gefühl bekommen, dass er etwas wollte und war schließlich zu dem Schluss gekommen, dass es ein Auto sein musste.

Er mochte die Glasfronten des BMW-Autohauses, auf denen scharfkantige Lichtreflexe wie aufgeklebt aussahen. Er liebte die Ebenheit des Marmorbodens im Inneren des Gebäudes, der mit einem hauchdünnen Wasserfilm überzogen zu sein schien. Um ihn herum waren, mit viel Luft dazwischen, makellos glänzende Neuwagen ausgestellt, deren Lack verführerisch glänzte. Dieser Ort war nicht bloß sauber, sondern rein. Eine Verkäuferin mit schwarzen Stilettos von Gina aus glänzendem, schwarzen Lackleder, reichte ihm zur Begrüßung ihre angenehm kühle Hand. Ihre formvollendete Erscheinung fügte sich optimal in den Raum ein.

„Guten Tag, ich heiße Antje. Kann ich ihnen helfen?“

„Ja Antje, ich denke, ich suche ein Auto. Aber mir fällt die Wahl ein bisschen schwer, ich verstehe auch nicht besonders viel von Autos.“

„Das ist kein Problem. Ich mache erstmal einen Kaffee und dann unterhalten wir uns über ihre individuellen Bedürfnisse, damit ich ihnen ein Automobil heraussuchen kann, dass perfekt auf sie zugeschnitten ist und sie glücklich macht. Setzen sie sich dort drüben hin, ich bin sofort bei ihnen.“ Sie lächelte und dirigierte ihn zu zwei Stühlen, die an der Glaswand standen.

Er setzte sich auf einen Bauhaus-Sessel und schaute ihr zu, wie sie den Kaffee zubereitete. Mit flinken, aber liebevollen Handgriffen bediente sie die Kaffeemaschine. Virtuose Handgriffe, mit denen seine Mutter damals die Saiten der Küche in Harmonie zum klingen bringen konnte. Es war ein vollendet volledelter spitzen-Kaffee, dessen Verwöhnaroma Ben in die Nase stieg und in ihm ein wohliges Gefühl von Geborgenheit erzeugte. Schön, dass es noch so etwas gutes gab. Das Telefon klingelte und während sie telefonierte, blätterte er in einer Zeitschrift. Darin standen ein paar kleine Artikel, die von Menschen verfasst worden waren, welche einmal im Koma gelegen hatten. Ein junger Mann aus Kanada, der auf dem Foto eine Northface-Jacke trug, schrieb: „Nach dem Crash sagte man mir, dass ich zwei Wochen im Koma war. Erst nach drei Monaten konnte ich Apfelmus schlucken und ‚aah‘ sagen. Ich war Blind und die Ärzte sagten mir, ich werde vielleicht nie mehr sehen. Ich weiß noch den Moment, als ich plötzlich Gelb und Orange gesehen habe. Die Sonne geht auf, habe ich gesagt. In Wirklichkeit war es ein Shell-Tankstellenschild.“

Antje kam zurück und servierte den Kaffe in kleinen weißen Tassen auf dem Glastisch, der zwischen den beiden Bauhaus-Stühlen stand. Er nahm einen Schluck. Das Aroma war eine exzellente Komposition, die sich nur durch eine schonende Röstung erreichen ließ. Sie lächelte und zückte einen silbernen Diplomat-Kugelschreiber.

„Nun, dann erzählen sie mir mal, wer sie sind und was für Wünsche sie haben. Haben sie eine Familie?“

„Ja, schon. Also ich besuche oft meine Eltern, beziehungsweise früher war das so. Er ist schon sehr alt und kriegt nicht mehr allzu viel mit. Meistens saß meine Mutter in der Küche und löste Kreuzworträtsel bis mein Vater sich wieder einnässte und sie dann alles waschen musste. Naja, damals, jetzt nicht mehr.“

„Oh, ist ihr Vater gestorben?“

„Nein, meine Mutter, vor zwei Wochen. Mein Vater hat jetzt eine Pflegerin.“ Er kratzte sich hinterm Ohr und blickte auf ihre Schuhe. „Und ich habe ein wenig Geld geerbt und brauche jetzt ein Auto.“

„Ja, genau, also sie haben keine Frau oder Kinder?“

„Nein, habe ich nicht.“

„Gut, dann fallen für sie schonmal die ganzen Familienmodelle weg. Worauf kommt es ihnen denn bei einem Auto an?“

„Ich möchte in meinem Auto gemütliche Sitze, in die man sich schön hineinkuscheln kann. Eine Sitz- und Rückenheizung wären nicht schlecht.“ Er lehnte sich zurück und blinzelte durch die Glaswand auf die Fassaden der umliegenden Häuser, während Antje sich Notizen machte.

„Das ist kein Problem, das ist bei uns in den meisten Modellen serienmäßig enthalten.“ Sie schlug die Beine übereinander und wippte seicht mit dem linken Füßchen. Der Stiletto, in dem es steckte, machte eine verschwenderische Kurve von den lackierten Fußnägeln bis hoch zur Ferse.

„Das Auto muss einen schwarzen Lack haben. Es muss richtig glänzen.“

„Auch das ist kein Problem. Durch neueste Forschungsergebnisse war es uns möglich, einen neuen Speziallack zu entwickeln, der Wasser einfach abperlen lässt. Die Tropfen nehmen dabei Schmutz auf, sodass ihr Wagen sich von selbst reinigt und immer glänzt.“

„Ja, unbedingt, das will ich.“

„Gut. Was fällt ihnen noch so alles ein?“

„Der Wagen sollte sehr schnell sein, vor allem schnell beschleunigen. Es soll Spaß machen, es soll ein richtiges Erlebnis sein, das Auto zu fahren. Allerdings sollte es dabei auch eine gute Umweltbilanz haben und wenig verbrauchen. Ein angenehmes Lenkrad, dass perfekt in meinen Händen liegt. Und es ist besonders wichtig, dass der Wagen ganz leise ist.“

Sie unterhielten sich noch über technische Details, bis sie ihn schließlich herumführte und ihm die Autos zeigte. Ein Modell erregte aufgrund seiner formvollendeten Erscheinung Bens besondere Aufmerksamkeit.

„Was ist mit dem?“

„Also dieses Modell dürfte ihren Bedürfnissen vollkommen entsprechen. Es hat ein sehr ausgewogenes Fahrverhalten und punktet vor allem beim Design. Besonderer Wert wurde auf Sportlichkeit gelegt. In der Ansicht von vorn fällt die emporgewölbte Haube auf, an den Flanken kann man gut die starke Profilierung der zulaufenden Linien erkennen. Sie können sich gerne mal hineinsetzen.“

Ben stieg in den Wagen und sie setzte sich auf den Beifahrersitz, wobei sich ihr schwarzer Rock ein paar Zentimeter nach oben schob. Er fuhr mit den Fingerspitzen über die glatte Wurzelholzverkleidung des Amaturenbretts, umfasste das Lenkrad. Ihm gefiel dieser spezielle Neuwagenduft, der typisch war für alle Autos dieser Marke. „Gibt’s den auch in schwarz?“

„Selbstverständlich.“ Sie lächelte. „Dieses Modell ist konsequent elektrisch konzipiert und mit seinem emissionsfreien Antrieb sehr effizient. Es ist elegant und vor allem nachhaltig designt, aus leichtem und hochfesten Carbon. Mit einer intelligenten Vernetzung ist es geschaffen für die Mobilität von morgen. Bei diesem Modell stellt sich die Frage nicht, ob man sich für Nachhaltigkeit oder Spaß entscheiden soll. Unser Unternehmen will dem Kunden mit diesem Auto vor allem ein Versprechen erfüllen: Freude am Fahren.“ Sie zupfte ihren Rock zurecht. „Sie werden merken, wie sehr sie ihren neuen Wagen genießen werden. Ich denke, er passt einfach perfekt zu ihnen.“

„Ist das Auto auch sicher?“

„Das gehört zum Konzept: Dieses Modell vereinigt Abenteuer bei gleichzeitig garantierter Sicherheit, wie zahlreiche Tests belegen.“

„Ich kaufe es. Ich liebe dieses Auto.“

„Sie können natürlich noch vorher eine Probefahrt machen.“

„Nein, ich kaufe dieses Auto und ich möchte es sofort mitnehmen.“

„Das ist kein Problem.“ Sie machte die nötigen Unterlagen fertig und er unterschrieb alles. „Ich beglückwünsche sie zu ihrem Kauf. “

Er stieg in seinen Wagen und gab in das Navi das erste ein, was ihm einfiel. Zum Spaß fuhr er in Schlangenlinien und drückte sich fest in den Sitz hinein. Der Wagen dämpfte optimal das Brausen des Windes, der an seinem aerodynamischen Shaping entlangfuhr. An einer Ampel blieb er stehen. Es hatte angefangen zu regnen und die Tropfen perlten an der versiegelten Außenhaut des Autos ab. Perfekte Wohlfühltemperatur im Auto dank Sitzbeheizung. Ein Junge schoss in einer kleinen Seitengasse seinen Ball mit aller Kraft, die sein junger Körper aufbringen konnte, gegen eine Mauer. Der Ball prallte immer wieder zurück und der Junge trat immer fester gegen ihn. Als der Regen stärker wurde, nahm der Junge seinen Ball und verschwand durch die Gasse. Ben legte den Kopf in den Nacken und schloß die Augen. Jemand hupte, er riss das Lenkrad rum, drückte das Gaspedal durch und raste in die Gasse hinein. Mit der Beifahrerseite riss er an der Mauer entlang, bis er gegen eine Laterne prallte und zum Stillstand kam.

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