Once upon a time in China

Zeit zum durchatmen. Erst nach einer dreistündigen Masturbationssession mit sechs Ejakulationen habe ich diesen geistigen Nullpunkt erreicht, bei dem ich mich nackt auf meiner Fensterbank sitzend in die Untiefen meiner kümmerlichen Existenz hineindeken kann, während mir mein wachsweißes Sperma die Oberschenkel runtertropft. Ich weiß nicht so ganz worauf ich mit dieser Erzählung hinaus will, aber ich möchte damit beginnen euch etwas über meinen Lieblingsporno mit der unvergleichlichen Daisy Wild zu erzählen. Sie spielt in „Excess in Hell“ eine Edelhure aus New York, die durch einen dummen Zufall in ihrer Toilette das Tor zur Hölle findet. Dort vögelt sie dann mit der gesamten Unterwelt um schließlich ihn, den Teufel höchst persönlich zu ficken, der anstelle eines Schwanzes eine Kobra hat. Das Highlight stellt eine Art vibrierender Dreizackdildo dar, mit dem der Pferdefüßige sie bearbeitet. Schließlich wird sie jedoch von einem Verwaltungsangestellten des Teufels der Hölle verwiesen, weil sie den Kobrakopf geküsst hat, das schwerste Vergehen. Ich erzähle das zum einen, weil ich mir gerade auf dem director’s cut dieses Fickfilms einen runtergeholt habe, als Ben mich besuchen kam, zum Anderen weil ich denke, dass der Ausgang dieses Filmes viel mit dem zu tun hat, wovon ich euch erzählen will.

Es klingelte. Ich schlich auf Zehenspitzen um ein zerrissenes Telefonbuch herum zur Tür und schielte durch den Spion. Ben war ein alter Fluch aus frühen Tagen, der mir in den unpassendsten Momenten über den Weg lief und mich mit Gras versorgte, wenn er gerade in der Stadt war. Mit einem Pizzakarton unter dem Arm drückte er sich ohne Worte an mir vorbei in die Wohnung, warf seine Jacke auf meine Matratze und räumte etwas schmutziges Geschirr von einem Klappstuhl, bevor er sich setzte und sich ein Stück Pizza in den Mund schob. Wie ich ihn da so kauen sah musste ich an eine Szene aus meiner Kindheit denken. Als ich noch zum Konfirmandenunterricht musste, flog mal ein Vogel bei uns ins Haus. Ich kreischte und rannte zu meiner Mutter, die mir vorwarf, ich sei betrunken (das war ich). Das Mistvieh hatte sich versteckt. Als ich aus der Kirche wiederkam, glaubte sie mir. Sie hatte ihn im Mund meiner Katze gesehen. Ich krümelte etwas von dem Gras aus dem Cellophantütchen in ein Blättchen und drehte einen Joint. Ich zündete den Dübel an, das Kraut knisterte und der Käsegestank gerann an der stickigen Raumluft.

„Wie geht’s?“, fragte er, den Blick durch das Zimmer wandernd.

„Ich hatte letztens wieder eine Attacke, ich glaube so vor zwei Monaten, könnte aber auch ein halbes Jahr gewesen sein. Ich war in der Stadt unterwegs als es mich erwischte. Alles wurde wieder so eng, die Leute haben mich angestarrt und das Dröhnen der Straßenbahn hätte mich fast umgebracht, wirklich. Ich musste mich an den Wänden vorbeidrücken und versumpfte erstmal wieder für ein paar Wochen in meiner Wohnung.“

Er griff zur Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein, es lief ein Kung-Fu-Film, wenn ich mich recht entsinne war es der dritte Teil von Once upon a Time in China. Der Ton blieb aus, ich reichte ihm den Joint. Er zog dran, exhalierte langsam aus und sagte: „Du musst echt was machen, alter. Jedes mal wenn wir uns sehen erzählst du mir die gleiche Scheiße. Du hast doch früher immer eine ganze Menge kluges Zeug erzählt. Was ist damit? Und schreibst du noch? Du hast doch immer so tolle Geschichten erzählt.“ Ben lehnte sich breitbeinig in den Stuhl zurück. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, war hin- und hergerissen zwischen der Möglichkeit, ihm den Jointstummel ins Gesicht zu schnipsen oder ihn wüst zu beleidigen. Stattdessen gab ich einen unartikulierten Laut von mir und ließ den Joint fallen. „Aber was erzähle ich dir das, das habe ich dir doch auch schon tausend mal gesagt. Habe ich dir eigentlich schon erzählt, dass ich jetzt auch schreibe? Ich habe gerade einen Aufsatz verfasst, der sich leicht als Hommage an die Pornodarstellerin Sasha Grey lesen lässt.“

Ich konnte ihm nicht mehr zuhören, weil sich in meinem Kopf alles drehte und ich wieder merkte, wie mir meine Gedanken entglitten. Ich bekam Panik, versuchte krampfhaft einen Gedanken zu fixieren um in meinem Schädel die Bodenhaftung zu suchen, die mir gerade entglitt, ein Gedanke, ein gründer Fleck, Katharina, die Amsterdamtour vor zwei Jahren, der Liegestuhl und all die Maskenvisagen mit diesem weißen beweglichen Knorpeln in den Augenhöhlen, nein, zieh endlich deine beschissenen Schuhe aus, du stinkst, du stinkst du elendiger Pisser, du hast keine Ahnung, du bist ein Penner, Versicherungsbeiträge, Steueridentifikationsnummer, Katharina, Strafgesetzbuch, Spülmaschinentabs, Privatinsolvenz, Schimmelbefall, Trizyklische Neuroleptika, Schufaauskunft, GEZ, Magnesiummangel, Trockenfleisch, Abfallkalender, kindliche Heldenfantasien, Katharina. Sackgassengedanke, da musst du wieder raus, ich blicke um mich und vor mir sitzt Ben vertieft in seine unsinnigen Ausführungen über den Zusammenhang zwischen dem Ende von Sasha Greys Karriere und dem Beginn des syrischen Bürgerkriegs.

„Weißt du, Sasha Grey ist hungrig, sie ist für mich die Verkörperung von vitaler Lebensfreude und souveräner Standfestigkeit. Und deshalb muss ich vor Rührseligkeit manchmal ein bisschen weinen wenn ich sehe, wie sie einen Schwanz in ihren Mund nimmt, weil ich mir denke, dass Glück eine ganze einfache Sache sein kann, ein Kleinod, dass sich in einem Schmuckkästchen unterbringen lässt. Oder halt in ihren Mund. Die Argumentation geht weiter mit einigen Ausführungen über Sasha Greys Intimbehaarung als Wiederauferleben von Kants Formulierung des interesselosen Wolhlgefallens. Wirklich, es sind einige subtile ironische Wendungen in ihm enthalten, du solltest mal einen Blick drauf werden.“

Das mit dem Aufsatz verwirrte mich etwas, weil ich es war, der ihn geschrieben hatte und nicht er. Glaube ich. Er ließ den Blick wieder eine Weile durch das Zimmer streifen. „Was ist eigentlich mit Katharina? Hast du in letzter Zeit eigentlich mal was von ihr gehört?“

„Ja klar, wir haben letzte Woche telefoniert. Es geht ihr gut und sie meint, sie ist demnächst wieder in der Stadt und kommt mich besuchen.“

„Echt? Schön zu hören. Obwohl es mich ein bisschen wundert, dass sie noch etwas mit dir zu tun haben will, nach der ganzen Scheiße, die du mit ihr abgezogen hast.“

Natürlich hatte ich etwas gelogen. Sie hatte zwei Tage nicht auf meine Anrufe reagiert. Als sie endlich abhob heulte ich direkt los von wegen ich würde sie vermissen und dieser ganze Phil-Collins-artige Kram, sie antwortete, dass sie nur abgehoben hatte, weil ich ihr noch 600€ schulde und dass es ihr mitlerweile auch egal wäre, ob ich ihr das Geld nun zurückgebe oder nicht. Nach dem Telefonat machte ich mir einen Plan zurecht, ich musste irgendwe die 600€ auftreiben und dann würde ich mir meine kleine verlorene Prinzessin zurückholen. Ich habe mir das alles schon hundert Mal ausgemalt und bin felsenfest davon überzeugt, dass es irgendwie klappen muss.

„Hey Ben, kannst du mir vielleicht sechshundert Euro pumpen?“

„Du hast noch hundertfünfzig Euro Schulden bei mir. Mit dem Fuchs, den ich dir mitgebracht habe werden es zweihundert.“

„Ich weiß, aber es ist wichtig.“

„Du weißt, dass ich das nicht machen kann.“

„Ok.“

Irgendwie war hier die Luft raus. Ben faltete den Pizzakarton umständlich zusammen, klemmte ihn sich unter seinen Arm und ging zur Tür. Er grinste mich noch kurz an, klopfte mir auf die Schulter und verschwand im Treppenhaus.

Naja, ich glaube ich werde wohl irgendwie den Faden verloren haben und wenn ich überhaupt vorhatte mit dieser Begegnung irgendetwas zum Ausdruck zu bringen, so muss es mir wieder entfallen sein. Ist ja auch egal. Ich vergrub mich unter meiner Bettdecke, drehte noch einen Joint und schaute mir die stummgeschaltete Version von Once upon a time in China an. Irgendwann wird sich das alles schon irgendwie regeln, wie auch immer.

Advertisements