Eks tu de sie

„Weiß nicht, was ich von Poetry Slams halten soll. Aber ich weiß, dass sie bei Studenten ziemlich beliebt sind. Verstehe ich nicht. Kommt mir eher wie eine verkappte Comedyeinlage vor. Jedes mal, wenn einer in der Stadt ist, denke ich mir ‚gehste nochmal hin, vielleicht ist es ja diesmal was‘, nur um dann wieder enttäuscht zu werden. Fangen meistens mit etwas an, was ihnen auf der Hinfahrt im Zug passiert ist. Irgendein bröseliges Zeug mit einer ungewöhnlichen Begegnung, die auf eine aufgezogene Pointe hinausläuft, so zum warmwerden. Am Ende bleibt einem nur sowas wie die Darbietung eines Clowns Ende zwanzig mit verschleppten Studiumsabschluss und starkem Hang zu Schweißausbrüchen. Werde trotzdem hin und wieder zu so einen Poetry Slam gehen, wer weiß, vielleicht sehe ich da mal jemanden, der es bringt.“, erzähle ich Phil, der Klara unverständliche Lautfolgen als Sprachnachricht in sein Smartphone lallt. „Lass gut sein Phil, echt jetzt.“ Sie hatte mich gegen drei Uhr morgens verheult angerufen, weil er mit einer Flasche Wein an ihrer Tür randaliert hatte. Er hat ihr dabei ganz schön zugesetzt und ich fand es ziemlich nett von ihr, dass sie auf seine Bewährung rücksicht nahm und mich statt der Polizei rief. Ich fand ihn vor ihrer Haustüre auf dem Bürgersteig sitzend, mit nichts anderem als seiner Unterhose bekleidet, das graue Schamhaar kräuselte ihm rechts und links am Oberschenkel entlang. Er hatte sich mittlerweile wieder gefangen und ich fragte ihn, wie es ihm geht, während wir durch das weitgehend leerstehende Viertel huschten, in dem die Straßenbeleuchtung ab Mitternacht abgeschaltet wurde. „Ja, geht schon. Aber hin und wieder überkommt es mich einfach.“Kann ich verstehen. Wobei du dir langsam echt ein neues Verhaltensmuster zulegen solltest.“ „Ich meine, ich kriege seit der Geschichte nicht mal mehr einen hoch.“ „Überhaupt nicht?“ „Nein und ich habe alles versucht. Ich habe mir auf Pornhub sogar einen Premiumaccount erstellt, damit sie meine Nutzerdaten auswerten und mir auf mein Profil hin zugeschnitten die perfekten Pornos anzeigen können. So mit Watchlist und allem. Aber es geht einfach nicht.“ „Weißt du, ich glaube du gehst zu verkrampft an die Sache heran. Versuch es mal mit Live-Cams. Es gibt da viele nette Mädchen, die deutsch sprechen. Fang erstmal damit an, dass du nur mit ihnen redest, so einmal die Woche für eine Stunde. Kostet eine Menge Geld, aber lohnt sich.“„Meinst du?“„Ja, ist nur echt nix auf dauer, weil es eben recht teuer ist. Ich habe aber ein anderes System entwickelt, bin ich durch Zufall drauf gekommen, als ich eine Schuldensache klären wollte. Kostenlose Hotlines, du suchst dir irgendeinen Vorwand, zum Beispiel, dass dein Fernseher defekt geliefert wurde und holst dir einfach einen runter, während man dich berät. Keine Ahnung, fahre da irgendwie drauf ab. Ich empfehle dir, eine Liste mit geeigneten Nummern zu führen. Ich weiß, das klingt total komisch, aber versuch’s mal. Zur Not suchst du dir einfach einen Therapeuten für ambulante Weiterbehandlung.“Wir liefen über den nasskalten Asphalt bei den Tanksäulen zum Nachtschalter der Aral-Tankstelle und kauften zwei Bier, die wir der alten Frau durch den Schacht abnahmen. Er erklärte mir, warum er den Ansatz der modernen Psychiatrie nicht ganz verstehe. „Weißt du, das ist doch völliger Irrsin. Ich meine diesen ganzen Achtsamkeitsbasierten Kram, es heißt doch im Grunde genommen die ganze Zeit nur ‚Hör auf dich selbst, es sei dem, du hast Stimmen im Kopf und hörst wirklich was‘. Und die meisten Menschen, denen ich in der Klinik begegnet bin, haben wahnsinnig viel geraucht und täten gut daran, ihre Lauscherchen von Zeit zu Zeit mal abzustellen. Die ganze Zeit über bekommst du irgendwelche trizyklischen Neuroleptika verabreicht, rauchst eine Zigarette, gehst zur Ergotherapie und pinselst an deinem Holzigel rum, rauchst eine Zigarette, machst so hitlerjugendmäßige Aktivierungsübungen, rauchst eine Zigarette und versuchst dem Gerede zu entgehen, dass dir Therapeuten und Patienten den ganzen Tag um die Ohren hauen. Erzähl mal dem Russen von diesem Achtsamkeitskram, von dem keiner weiß, wer er ist und der die ganze Zeit in Mantren versinkt oder schwer auf Haloperidol auf seinem Stuhl sitzt und die künstlichen Blumen auf den Esszimmertischen zählt.“ Wir hechteten wie zwei abgeknickte Grashalme durch die altbekannten Gassen, in denen jeder Pflasterstein mit einer Vielzahl von Erinnerungen verknüpft war. Wir kamen an meinem alten Kindergarten vorbei. Es wirkte als ob in dem Moment, in dem ich ihn sah, mir als Wahrnehmungsinhalt nur eine Erinnerung von den eigentlichen Dingen gegeben war, die mich um ein paar Sekunden verfehlten. Ich weiß noch, wie ich dort Marie-Luise beim Versteckspielen in dem kühl-feuchten Schuppen fand, in dem die vom Sand zerkratzten Schaufeln und die Hoola-Hoop-Reifen aufbewahrt wurden. Wir fanden einen riesigen Weberknecht, den wir in einen weichen Gummieimer einsperrten. Eine weile drückten wir unsere Ohren an den Eimer und lauschten dem Vibrieren der Flügel. Dann zeigte ich auf ihren Rock, auf dem ganz viele kleine Erdbeeren abgedruckt waren. Ich fragte sie „Was hast du da?“ und zog ihren Rock hoch. Irgendwann letzte Woche, ich weiß nicht mehr genau wann, saß ich mit meinem Vater auf seiner Matratze, man konnte das Brummen einer Fliege an der Fensterscheibe hören. Wir schauten Pimp My Ride, die guten alten Folgen mit Xzibit. Die Folge hatte gerade angefangen und wir waren bei der Stelle, wo Xzibit die Schrottkarre von dem Typen auslachte. Mein Vater rauchte eine selbstgedrehte Zigarette ohne Filter, die Ascheflocken bildeten einen unregelmäßigen Kranz um das Einmachglas. In der Werbepause fragte er mich nach meinem Studium. Sitze im Seminarraum vor meinem Prüfer und dem Prüfungsbeisitzer. „Sie haben bestanden. Sie dürfen aber nicht jubeln. Ehrlich gesagt war das eine schwierige Entscheidung. Aus ihrer abgelegten Prüfungsleistung geht klar hervor, dass ihnen der gesamte Semesterverlauf nicht im geringsten zusammenhängend geläufig ist. Sie konnten nur lückenhaft wiedergeben, was Gegenstand von sechs Monaten war und das ist nicht zu entschuldigen.“ Ich leite das genau so meinem Vater weiter, er nickt und die Sache hat sich, als Xzibit grinsend mit einer 25 Zoll Chromfelge posiert. Flachbildschirme, eine Espressomaschine und ein Aquarium haben sie der Karre verpasst. Mein Vater zeigt auf den Schreibtisch, auf dem ein Brief für mich liegt. Weil wir schon bei der Stelle sind, wo die Freunde und Verwandten das neue Auto mit dem Beginn eines neuen Lebensabschnitts gleichsetzen, öffne ich den Brief. „Trotz mehrmaliger Erinnerung haben wir leider nach wie vor keine Zahlung zu unserer Rechnungsnummer mit Kontaktdaten feststellen können. Wir haben zur Eintreibung der Forderung nun einen Rechtsanwalt eingeschaltet. Sie haben heute letztmalig die Gelegenheit, den Betrag außergerichtlich zu überweisen. Für diese Letzte Mahnung berechnen wir ihnen 45 Euro aufgrund unserer Aufwendungen. Mit freundlichen Grüßen, Mahnabteilung Pornhub.com.“ „Weißt du Phil, eigentlich würde ich viel lieber Rappen als diesem kümmerlichen Schreiben nachzugehen. Das hat irgendwie mehr drive. Aber dafür fehlt mir die Coolness.“Stimmt“, sagt Phil. „Zu rappen fühlt sich für mich so an, wie als Teenager in diese hippen Carhartt-Stores zu gehen, in denen irgendein DJ abgedrehte Funksachen gemixt hat. Ich wollte dieses T-Shirt kaufen, habe es aber nicht in meiner Größe gefunden und mich auch nicht getraut, die super coolen Verkäufer zu fragen. Alle haben sich in einer Sprache bewegt und unterhalten, die ich einfach nicht drauf hatte. Am Ende bin ich mit meinem Geburtstagsgeld wieder aus dem Laden getrottet. Beim Schreiben habe ich das nicht mit dem uncool fühlen. Wobei Literatur auch eher so C&A ist. “„Weißt du was? Ich habe eine Idee. Vielleicht solltest du mal auf so einem Poetry-Slam etwas vortragen. Du könntest einfach ein bisschen freestylen und dass du keine Themen hast, fällt da eh keinem auf. Und mit miesen Pointen hast du’s ja auch.“

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