Im Sand

Ich gehe mit Nastja und Phillip zum Strand. Es ist heiß, keine Wolke am Himmel, das Meer ist ruhig. Ein älteres italienisches Pärchen sitzt in ihren Strandstühlen in der prallen Sonne. Wir breiten unsere Handtücher aus, stechen den Schirm in den Sand und krabbeln in den Schatten. Phillip schlägt sein Buch auf, Nastja zieht sich um. Ich nehme etwas von, dem trockenen Sand in meine Faust und sehe zu, wie er durch meine Finger rieselt. Ich wühle etwas mehr Sand auf, um zu schauen, wie tief die Schicht weißen Sands geht. Aber ich kann nicht tief genug graben, ohne, dass sich das Loch mit dem feinen Sand an den Rändern von selbst wieder auffüllt. Also schaffe ich mit meinen Unterarmen großflächig Sand beiseite, um in der Mitte buddeln zu können. Die weiße Schicht ist tief, ich kann die gestreckte Hand in das Loch stecken, ohne feuchten Sand zu berühren. Ich grabe weiter. Und weiter. Ich beschließe, ein tiefes Loch zu graben. Es soll mindestens so tief sein, dass ich aufrecht drin stehen kann und wenigstens ebenso breit. Ich buddele mit den Händen, schiebe den Aushub beiseite, buddle weiter. Die Finger schürfen den nassen Sand auf, ohne Schaufel wird das nichts. Ich gehe zu einem Spielzeugladen, um eine Plastikschaufel mit Holzstiel zu kaufen.

Torvaianica ist ein typisch italienisches Nest, das im Zuge korrupter Investitionsvorgänge in den 60er Jahren vollständig aus dem Boden gestampft wurde. Es besteht aus zwei größeren Hauptstraßen, die parallel zur Mittelmeerküste verlaufen und durch kleinere Gassen miteinander verbunden sind. Die aus hellem Ziegel gebauten Häuser ähneln sich so sehr, dass man in den ersten Tagen leicht die Orientierung verliert. Es ist nicht ganz klar, was die Menschen hier treiben. Das Tourismusgeschäft läuft nur mäßig, es gibt ein paar Eisdielen und Pizzaläden, ein wenig Fischerei. Zwei Kilometer von hier im Landesinneren befindet sich ein Militärflughafen. Regelmäßig fegen Düsenjets mit scharfem Rauschen am Himmel vorbei. Es riecht nach heißem Müll, vor den Spielzeuggeschäften hängen bunte Gummibälle in den Netzen. Ein Junge mit einer roten Mütze schießt einen Ball gegen eine Mauer.

Als ich zum Loch zurückkehre, ist der aufgewühlte Sand wieder getrocknet. Die Schicht ist bereits zwei Finger tief und rieselt in das Loch hinein. Egal wie tief dieses Loch heute wird, morgen hat es sich von selbst wieder eingeebnet. Phillip sagt, er habe beim Spazieren ein paar Kids gesehen, die ein ziemlich großes Loch gebuddelt haben. Ich solle mir das mal anschauen. Also drehe ich eine Runde am Ufer entlang, vorbei an einem mageren Kokosnussverkäufer und da sehe ich die Kids. Ihr Loch hat ca. eineinhalb Meter Durchmesser, ist etwa knietief und zur Hälfte mit Wasser gefüllt. Die Kids baden darin wie in einem Whirlpool. Nicht übel, muss ich schon sagen. Allerdings haben sie einen Fehler gemacht: Sie haben zu nah am Ufer gegraben. Von dort aus füllt sich das Loch sofort mit Wasser und man kann nicht tief graben, weil das Wasser den Sand immer wieder verteilt. Sie waren fleißig, aber haben ohne Verstand gearbeitet. Ich gehe zurück und fange weiter oben von vorne an. Ich steche mit der Schaufel in den Sand und bin erregt von der Leichtigkeit, mit der ich den Staub in den Wind fege. Nastja springt ins Wasser, Phillip liest. Es ist ein schöner Anblick, der Aushub um das Loch. Ich freue mich noch mehr, wenn ich sehe, wie tief es geworden ist. Ich lege Sedimente frei, Lutscherstile, Muscheln, Pfirsichkerne.

Irgendwann ist das Loch so tief, dass Kinder auf einen Zaun klettern um es von oben herab zu bestaunen. Sie lassen weißen Sand an der steilen Wand ins Loch hineinrieseln, betrachten es von allen Seiten, italienische Ausrufe des Staunens. Sie sprechen mich an, aber ich verstehe sie nicht. Es kommen immer mehr Kinder. Eines mit einer roten Mütze fragt „Can I go in?“ und ich sage „No.“ Zwei mal fällt ein regenbogenbunter Volleyball hinein und ich schleudere ihn so weit hinaus, wie ich kann. Die Kids machen eine ganz schöne Unruhe oben, es gefällt mir nicht, wenn sie Sand in das Loch hineinwerfen. Ich bin kurz davor, wild mit der Schaufel herumzufuchteln, da fragt der mit der roten Mütze erneut „Excuse me sir, can I go in?“ und wieder sage ich „No.“ Eine Weile geht das weiter so, dann gehen die ersten. Ich bin wieder alleine. Vom Grund aus habe ich eine Kuhle schräg in den Sand hineingegraben. Sie ist so groß, dass man sich hineinlegen kann und ich mache meinen Körper ganz klein. Ein seltsames Gefühl, dort drinnen zu liegen. Es ist kühl, dunkel und leise. Ich denke an ein Bild, dass ich mal im Wartezimmer einer Arztpraxis gesehen habe. Es zeigte den Querschnitt eines Kaninchenbaus mit seinem verzweigten Gängesystem. Die comichaft gezeichneten Kaninchen sausten energetisch der lachenden Sonne entgegen. Nur ganz unten, in der untersten Kammer, saß ein einzelnes Kaninchen. Es blickte fragend nach oben, unfähig, sich für einen der vielen Gänge zu entscheiden. Es saß dort unten fest, verlassen von denen, die dem Sonnenlicht entgegenhüpfen. Das Bild war in diesem furchtbaren, sehr deutschen Comic-Stil gezeichnet war, den man oft auf Kalendern oder in TV-Zeitschriften sieht. Ich fühle mich weit weg von der brennenden Sonne, dem spritzenden Meerwasser, den Kindern und alten Männern mit ihren ledrig verbrannten Kugelbäuchen. Nur ich, zwischen Tonnen von nassem Sand, tief genug, um unter ihm zu verschwinden. Ein Düsenjet faucht am Himmel vorbei. Ich steige aus der Kuhle hinaus und höhle sie von innen aus. Dann klettere ich aus dem Loch und stampfe mit den Füßen auf dem Sand, der über der Kuhle liegt. Der Sand bricht ein, das Loch verliert um 30 cm an Tiefe. Das ist ein kleiner Rückstoß und ich versuche ihn schaufelnd wieder aufzuholen. Die Plastikschaufel bekommt weiße Knicke an der Stelle, an der sie am Stiel befästigt ist. Bald muss ich wieder mit den Händen ran.

Nastja schaut in mein Loch. Ich schippe ihr versehentlich eine Ladung Sand gegen die Brust.

„Hey, kommst du mit ins Wasser?“

„Nein, ich will das hier noch vergrößern. Das dauert noch.“

Man kann nicht einfach so am Strand liegen oder ins Wasser gehen. Also ich kann das nicht. Heute grabe ich ein tiefes Loch. Morgen baue ich eine Pyramide. Übermorgen werde ich ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem in den Strand graben. Ich grabe weiter, dann zeigt sich auf dem Grund eine wässrige Sandschicht, die sofort wieder versickert. Wasser! Ich schaufle so schnell ich kann, der Sand ist deutlich schwerer, dann gelingt es mir, eine halbwegs stabile Pfütze freizulegen. Ich tauche die Finger in das Nass, nehme etwas heraus, verreibe es wie ein Goldgräber auf der Handfläche. Ich will das Loch vergrößern, aber es gelingt mir nicht. Die Nässe schwemmt den Sand von den Rändern in die Pfütze hinein, die sich dadurch wieder verschließt. Ich schaufel und schaufel, aber ich schaffe es nicht, den Grund mit Wasser zu füllen. Dann bricht die Schaufel am Stiel ab. Die Füße versinken im Schlamm, ich stelle fest, dass ich mein Loch nicht mehr tiefer graben kann.

Ich richte mich auf, um die pieksenden Sandkörner von meinem Körper zu streichen. Auf Augenhöhe kommt ein handbreites Insekt aus der Wand gekrochen. Es sieht ein bisschen aus wie eine Heuschrecke, nur mit sehr kräftigen Schaufelhänden. Es fällt auf den Grund, dreht sich wieder in eine aufrechte Position und gräbt sich mühelos in den nassen Sand hinein. Ich beneide dieses Tierchen um diesen anatomischen Vorzug und bedaure wundgescheuerten Hände.

Ich grabe und grabe. Das Loch wird breiter, aber es verliert dadurch automatisch wieder an Tiefe. Der Boden muss nass bleiben, wird er trocken, ist das schlecht für mein Loch. Phillip schaut von oben hinein und reicht mir eine Flasche Wasser.

„Wir wollen bald gehen. Es wird kalt.“

„Ich will das hier noch fertig machen. Geht ohne mich.“

Phillip zuckt mit den Schultern und verschwindet.

Die Sonne muss bereits untergegangen sein, ihr Leuchten deutet sich am Rand des Lochs noch an. Ich spüre einen Stein an der Schulter abprallen und schaue hoch. Da sitzt der Junge mit der roten Mütze, der mich gefragt hat, ob er ins Loch kommen könne. Er lacht und wird von einem anderen Jungen mit dem Ellbogen in die Rippen gestoßen. Es sind viele Kinder gekommen, versammeln sich um das Loch, lungern herum, schieben provozierend mit ihren Füßen Sand hinein. Dann hebt der mit der roten Mütze einen hellen Ziegelstein mit beiden Armen in die Luft und schleudert ihn auf mich herab. Ich hüpfe zur Seite und der Stein fällt mit einer Ecke auf den Fuß. Fluchend nehme ich den Stein und werfe ihn hoch auf die Kids, die ihm lachend ausweichen. Sie versammeln sich wieder und nun werfen alle Kids mit Steinchen und Bierdeckeln und Glasflaschen auf mich. Ich will an der Wand hochklettern, muss mir aber erst mal Einkerbungen für Hände und Füße graben. Ein Stein trifft mich hart am Ohr, schrecklicher Schmerz, ich fasse es an, an den Fingern etwas Blut. Ich schaffe es gerade so, beim ersten Anlauf aus dem Loch herauszuklettern, die Kids bewerfen mich ununterbrochen. Ich renne verängstigt in Badhehose durch die Gassen Torvaianicas, verlaufe mich und komme nach vielen Irrwegen zuhause an.

Am nächsten Morgen gehe ich alleine an den Strand. Dort, wo gestern mein Loch war, ist nur noch eine angedeutete Vertiefung. Ich setze mich hinein, schaue mich kurz um und zeichne mit dem Zeigefinger den Grundriss einer Pyramide in den Sand.

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Unterirdische Tauben

Ich starte per Mitfahrgelegenheit in einem richtig fetten Benz. Nacht, Katzenaugen, Bremslichter. Wir heizen mit 220 km/h, ohne etwas davon zu merken. Der Fahrer und ich unterhalten uns über Arbeit und Studium, den letzten Urlaub. Er hat mit vierzehn Jahren auf einem Campingplatz in der Toskana zum ersten Mal ein Mädchen geküsst, eine Schwedin, die am nächsten Morgen wieder abgereist war. Der nächste Kuss kam dann erst mit mitte zwanzig. Wir erzählen uns eine ganze Reihe von Anekdoten unter dem Motto Das erste Mal, schweifen herrlich ab. Dann werde ich unvermittelt an einer entlegenen Bahnhaltestelle rausgeworfen, wir schütteln uns die Hände und sehen uns nie wieder. Irre.

Während der ganzen Tour bin ich in acht verschiedenen Städten gewesen und in jeder einzelnen bin ich zufällig an einer Feuerwehrstation vorbeigekommen. Aber das hat nichts zu bedeuten. Reiner Zufall. Acht Städte, acht Jahre. Auch ein Zufall.

Heiligabend bei meinen Eltern: Wie schafft es meine Oma eigentlich, dass man sie nie mit einem Getränk in der Hand sieht, sie aber zunehmend betrunkener wird? Wenn mein Opa von Nazideutschland spricht, verwendet er den Ausdruck Diese schlimme Zeit. Ich habe noch nie darüber nachgedacht, ob es in meiner Familie eine Nazivergangenheit gibt.

Acht Jahre. Begreife zum ersten Mal, wie viel Zeit das ist. Sehe das daran, wie sehr meine Eltern gealtert sind. Meinem Vater muss man Organisatorisches abnehmen, er traut sich selbst immer weniger zu. Mama hat die Tendenz, immer mehr in sich hinein zu sprechen.

Mein Cousin bekommt ein hübsches Spaceshuttle von Lego geschenkt. Denke darüber nach, selber wieder mit Lego anzufangen. Gewisse künstlerische Probleme, die etwas mit der Grenzenlosigkeit des Ausdrucks zu tun haben, stellen sich nicht in einer begrenzten Welt, dessen kleinste Einheit Noppen sind.

Zaubertrick: Ein Drogensüchtiger kommt auf dich zu, flüstert, dass er sehr krank ist, Geld braucht. Tada! Er entblößt seine Brust, auf der ein gigantisches Geschwür wuchert. Das Hartgeld rieselt.

Schlafe sehr schlecht. Der Bahnhofsvorplatz in K. ist ein offenes Feld, taghell. Laute Geräusche erschrecken mich, am Bahnhsteig presse ich meinen Rücken an die Wand, weil ich Angst habe, jemand könnte mich auf die Gleise schubsen.

Verabrede mich mit Taro, zum ersten Mal, seit ich aus dieser Stadt verschwunden bin. Im Facebookmessenger sind präzise die halbherzigen Versuche der letzten Jahre dokumentiert.

Ich gehe in die Küche. Durch das Fenster blickt man auf einen etwas schmuddeligen Hinterhof mit Spielplatz. Auf einer Bank sitzen zwei Teenager, Junge und Mädchen. Sie küssen sich, er geht richtig ran. Zwischendurch dreht sie sein Gesicht mit ihrer Hand weg und er legt wieder los. Ich stelle mich so hin, dass Augen und Stirn gerade noch zwischen Kaktus und Altglas zu sehen sind.

Nicht zu fassendes Gefühl der Übelkeit, als ich mit dem Brotmesser durch die Kruste des Weihnachtsbratens fahre. Er wabbelt so abartig, dass ich mich beinahe übergebe. Nach drei Scheiben kapituliere ich.

Taro ist immer noch der Alte. Wir hören Bushidos Sonnenbankflavour über‘s Handy und können es immer noch auswendig: Sonnenbank, Flavour, letztes Jahr, angezeigt, Tunis, Goldrapper, blaues Licht, Rambo drei. Wir haben uns im Parkdeck verabredet, das immer noch leer steht. Ich weiß noch, dass irgendein Formel 1-Fahrer es damals gekauft hatte, das war deutschlandweit in der Presse. Wir haben uns riesig gefreut, weil wir gehofft haben, dass unser kleines Nest mal einen Saturn bekommen wird. Oder eine Kartbahn. Aber natürlich kam nichts.

Die Beleuchtung im Esszimmer geht ausschließlich von dem überdimensionierten Fernseher und einer türkisen Lichterkette aus. Man muss doch farbenblind sein, damit einem bei dem kaltblauen Licht nicht die Augäpfel gefrieren.

Zurück in der Küche zwischen Kaktus und Altglas. Das Pärchen ist verschwunden. Jetzt stehen da vier Männer im Kreis und rauchen.

Taro hat ein Skateboard mitgenommen, ich fahre schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Aber Taro ist am Ball geblieben. Er wohnt immer noch bei seinen Eltern und tickt immer noch Gras. Seine Kundschaft ist aber so stark angewachsen, dass er sie nicht mehr in sein Elternhaus lassen kann. Also taucht er in wöchentlichen Abständen im Parkdeck auf, wo dann die Kundschaft auf ihn wartet. Kann mir das richtig gut vorstellen: Fünfzehn Menschen, die sich nicht kennen, warten auf ihn und rauchen. Er taucht immer mindestens eine dreiviertel Stunde zu spät auf, einfach weil er kann. Er nimmt auch keine 5 Euro Scheine, einfach weil er kann.

Vom Fenster aus sehe ich Hängelaternen, die die Straße beleuchten. Der Wind schüttelt sie, sodass es aussieht, als würden sie blinken. Unbekannte Signale ins Nichts.

Mitfahrgelegenheit: Es gibt Fahrer, denen du die Routine richtig anhörst. Die haben so ihre Mitfahrergeschichten. Wie auswendig erzählt, nicht zu persönlich, unterhaltsam, viele Auslandserlebnisse. Aber bei diesem einen wird es etwas seltsam, als sich herausstellt, dass er kurz vor der Fahrt seinen Job gekündigt hat, in dem er acht Jahre tätig war. Er erzählt auch von dem Rechtsstreit mit seiner Ex-Frau.

Albtraumsequenz: Gehe in einen Keller, in dem meine Familie Weihnachten feiert. Meine Oma schenkt mir Alufolie, einen dreibeinigen Hocker und ein riesiges Gewehr aus dem zweiten Weltkrieg. Mein Cousin entkleidet sich und tanzt mit meinem Vater um ein glühendes Kohlestück. Die Weihnachtsfeier wird zu einem seltsamen Ritual mir vollkommen fremd gewordener Menschen.

Taro und ich wärmen die Geschichte von Juppe dem Skater auf. Er war damals schon alt, skatete meistens halbherzig, kiffte viel. Aber wenn es bei einem Contest was zu gewinnen gab, haute er die dicksten Dinger raus. Man wusste nie, wo er die hernahm. Irgendwann fing er damit an, nur noch im Hasenkostüm auf dem Platz zu erscheinen. Kurz darauf sah man ihn nie wieder. Armer Juppe.

Verbringe die Zeit zwischen Silvester und Rückreise in G. Registriere müde, dass sich die Welt auch hier weitergedreht hat. Sehe das an dem Fortschritt von Baustellen, neuen Gesichtern in alten Freundeskreisen, Running Gags, die ich nicht mehr verstehe.

Meine Mitbewohnerin schreibt mir, dass sie auf ca. 3000 Liter Bier im Jahr kommt. Für die 60 Liter, die der Durchschnittsdeutsche im Jahr trinkt, hat sie kein Verständnis. Ich glaube an einen Rechenfehler. Aber nicht bei ihr, sondern den Durchschnittsdeutschen.

Noch so ein Zaubertrick: An der Bushaltestelle steht eine alte Frau in türkiser Jacke, die etwas dümmlich die Zunge herausstreckt. Sieht aber eigentlich ganz niedlich aus. Als sie dann vor mir in den Bus steigt, zeigt sich auf dem Hinterkopf eine untertassengroße Platzwunde, unversorgt, die Haare kleben im Blut und an den Rändern glitzert etwas, das aussieht wie Alufolie.

Mitfahrgelegenheit: Ein japanischer Mitfahrer fragt mich, wie viel ich als Student für meine Krankenversicherung zahle. Ob sein ebenfalls studierender Sohn zu viel zahle? Definitiv, ja, das ist zu viel. Im Auto wird es sehr warm und der Japaner und eine ältere Frau schlafen sofort mit offenen Mündern ein. Es kommt mir so vor, als seien sie schon einen Schritt weiter. Als könnte man einfach so einen Sarg um sie herum bauen, sobald es bequem wird.

Odsett, Nescafé, Sunpoint, Dynastie, Aggressiv, Anschlag, Selbstmord, Dynamit“, kriege diesen Song von Bushido nicht mehr aus dem Kopf.

Wieder zurück in H. Bin mir nicht sicher, ob ich mich freue, wieder hier zu sein. Aus dem Bahntunnel kommen zwei Tauben herausgeschossen. Ich bin irritiert, so tief unter der Erde Vögel zu sehen. Sie verschwinden auf der anderen Seite wieder in der Dunkelheit.

Ich kaufe mir das Taj-Mahal von Lego, über 7000 Steinchen. Es ist brutal symmetrisch konstruiert, jeder Arbeitsschritt muss genau vier mal vorgenommen werden, fast jedes Steinchen ist weiß. Es geht mir schwer an die Substanz und ich gebe nach zwei Nächten auf.

Betrug

Dieser Text gewann 2017 den ersten Preis beim 34. Wettbewerb „Junges Literaturforum Hessen-Thüringen“ und wurde in der Preisträgeranthologie „Nagelprobe 34“ veröffentlicht. Weiterhin gewann er den diesjährigen hr2-Literaturpreis. Lukas Benjamin Engel (Filmmakersprofil) hat ihn dankenswerterweise vorgetragen. Ein Dankeschön auch an Franz Himmighofen für die wunderbare Illustration.

Betrug Franz Himmighofen

Wir hatten drei Wochen Sturm. Trotz der Medikamente nur Schlaflosigkeit, ständiger Brechreiz und lebensgefährliche Arbeit an Deck bei null Sicht. Wir sind mit einem ganzen Containerschiff voller Plastikspielzeug von China aus nach Kopenhagen gefahren, wo wir ausnahmsweise für ein paar Stunden Landgang bekamen. Von hier aus soll es dann weiter nach Riga gehen, wo wir einen neuen Auftrag kriegen. Das Spielzeug ist irgendein billiges Imitat, ganze Tonnen haben wir davon. Nach China wird es in ein paar Jahren auch wieder zurückgeschifft, wo es dann zu Reißverschlüssen oder so recycelt wird. Und dann wieder von vorne.

Fester Boden unter den Füßen, das heißt für mich, wieder etwas von meiner Würde zurückzubekommen. Die Stürme haben uns gezeigt, dass wir auch nur Plastikspielzeug sind. Ich will die seltene Gelegenheit nutzen, etwas zum Rauchen zu besorgen. Auf dem Schiff gibt es ziemlich viele Leerlaufphasen. Nach einer Weile geht einem das Kartenspielen auf den Sack und sonst hat man einfach zu viel Zeit zum Nachdenken. Das bekommt mir gar nicht gut, da ist es gesünder, wenn ich die Zeit mit Kiffen ein bisschen rumkriege. In der Ferne entdecke ich den spiralförmigen Kirchturm, der direkt am Eingang von Christiania liegt, neben Amsterdam das größte Refugium tolerierten Cannabisverkaufs in Europa.

Ich betrete Christiania durch den verdunkelten Eckeingang. Die Zugänge des Green Light Districs werden von mit schwarzen Halstüchern und Wollmützen maskierten Männern bewacht, die riesige Kolben rauchen und sich an Feuertonnen wärmen. »I’d like to have ten gram of that dark hash«, sage ich einem Typen um die vierzig, der seine fettigen Haare unter ein Cap geklemmt hat. Er grinst und sagt: »Yeah, yeah, as usual.« Er beißt ein größeres Stück von einer Platte ab und tütet es ein, ohne es noch mal zu wiegen. »750 Kroner.« Ich muss die Scheine gegen das Licht halten, um den richtigen Betrag herauszugeben.

Ich setze mich auf einen Baumstamm weiter oben, von wo aus man auf das Café und die wuselnden Touristen gucken kann. Im Halbdunkel um mich herum sitzen Pärchen und Einsame, kleinere Grüppchen, reden dänisch, englisch und Sprachen, die ich nicht kenne. Ab und zu kommt ein Dunkelhäutiger vorbei und sucht in den Böschungen nach Pfand. Ich ziehe die Fackel an, atme aus, lege den Kopf in den Nacken und schaue mir einfach so die weißen Knöpfe am Himmel an.

»Darf ich mich zu dir setzen?« Schnapsfahne, rundes Gesicht, liebenswürdig unterwürfig. Habe ich den nicht schon mal irgendwo gesehen? Ich bin froh, nach den ganzen Monaten mal wieder Deutsch zu hören, und fühle mich ganz redselig.

»Klar.« Er setzt sich auf den Baumstamm und hält mir zwinkernd die Flasche hin. Ich nehme einen Schluck und reiche ihm die Lunte.

»Was treibt dich hierhin? Kommst du aus Deutschland?«

»Ich arbeite auf einem Containerschiff. Vor einem Jahr ist mir die Luft in Deutschland zu dick geworden, weißt du, da bin ich dann einfach zu denen hingegangen und habe für ein Bett, Essen und kleines Geld auf dem Schiff angeheuert.«

»Wirklich? Ich habe gehört, dass es so was nicht mehr gibt. Also ich dachte, man braucht ’ne Ausbildung oder so was.«

»Jaja, ich hatte aber Glück, weil ich kannte da einen, der hat das dann irgendwie gedreht, weiß auch nicht mehr so genau. Wie sieht’s bei dir aus?«

»Miese Sache. Hab mich ’ne Zeit in Berlin so durchgeschlagen, hatte so’n Job als Heizungsableser. Dann war da so’n Verrückter, ein richtiger Messi, hat einfach behauptet, ich hätte dem was gestohlen. War natürlich völliger Quatsch, ich mein, die Bude war so zugemüllt, der hätte doch niemals sagen können, dass da was fehlt. Aber das war meiner Firma egal, der Polizei auch, und ich bin da einfach nicht hingegangen. Sehe ich nicht ein, die wollten mir nur eins auswischen von der Firma, weil der Chef mich nicht ausstehen konnte. Da bin ich dann erst mal hierhin und versuche, mich irgendwie durchzukriegen. Ist verdammt schwer, viel zu teuer alles. Will schnell wieder weg, hab aber keine Kohle, um von dieser Insel wieder runterzukommen. Aber du könntest mir dabei helfen.« Er zieht ein silbernes Benzinfeuerzeug aus der Tasche. Im Glanz des Laternenlichts kann man auf der Vorderseite in verschnörkelter Schrift S. T. Dupont Paris lesen. Hübsches kleines Ding.

»Ist echt, keine Frage. War ’n Geschenk von meinem Alten. Die Imitate erkennt man daran, dass sie viel leichter sind. Außerdem sind die Scharniere bei den Nachgemachten meistens leicht verbogen, sodass es sich entweder nicht gut anzünden lässt oder die Kappe nicht sauber abschließt. Probier mal.«

Ich drehe das Feuerzeug in meiner Hand und überprüfe die Scharniere, zünde damit die ausgegangene Lunte in meinem Mundwinkel an. Beim Aufklappen macht es einen sattes Pling. Ich habe mal jemanden gekannt, dem das sehr gefallen würde.

»Echtes Silber. Ist neu an die fünfhundert Euro wert, in dem Zustand mindestens dreihundertfünfzig. Aber ich brauche dringend Geld, um aus dieser Stadt zu kommen, weißt du, also ich würd’s dir einfach für zweihundert verkaufen. «

Es erinnert mich sehr an Enno. Ich stelle mir vor, wie er in seinem Sessel sitzt und es beim Reden auf- und zuschnappen lässt. Wie er sich darüber freut, Fremden Feuer zu geben, pling und die Kippe glimmt. Würde er es nehmen, wenn ich bei ihm einfach an der Tür klopfe? Würde er mir überhaupt aufmachen?

»Ich habe noch tausend Kronen und ein paar Münzen. Reicht das?«

Er schweigt. Der Dunkelhäutige von vorhin kommt vorbei und fischt aus einer Mülltonne eine Coladose. Er dreht sie um, lässt die braune Suppe ins Gras klatschen und schüttelt noch ein bisschen nach, bevor er weiterzieht.

»Ja, das passt. Ist genug, um von hier wegzukommen.«

Er zieht noch einmal vom Dübel und schnippst ihn runter auf die Pavillons, wo er funkend abprallt und irgendwo zwischen den Leuten verschwindet.

Von meinem letzten Geld fahre ich zum Hafen und suche den Containerterminal. Kein Schiff in Sicht. Richtiger Terminal? Ich zum nächsten Terminal, wieder nichts. Ich drehe nervös das Feuerzeug in meiner Tasche. Ich setze mich an den Kai, lasse die Füße über dem Wasser baumeln und drehe noch einen Joint. Ein Schiff fährt nicht ohne volle Besatzung los, das ist Unsinn. Auf dem Wasser dümpelt eine Plastikflasche. Ich habe gehört, dass es so was nicht mehr gibt. Also ich dachte, man braucht ’ne Ausbildung oder so was.

In der Stadt entdecke ich einen Pawn Shop, aber der Verkäufer lacht, als ich ihm das Feuerzeug hinlege. Fälschung. Er könne mir dafür vielleicht 50 Kronen geben. Nein, das kann nicht sein, ich versuche, ihn davon zu überzeugen, dass er falsch liegt, hier, schauen sie, die Scharniere und das Gewicht. Hören Sie? Pling! Er schüttelt den Kopf, er könne nichts machen. Jaja, nichts zu machen. Gehe hinaus, schleppe mich über den Bürgersteig. Es wäre sowieso sinnlos gewesen, Enno das Feuerzeug zu geben. Was habe ich mir dabei gedacht? Da ist nichts mehr zu machen, das habe ich verkackt. Ich hole das billige Imitat aus der Tasche und lasse es aufschnappen. Das Pling erstirbt ziemlich schnell, ist eigentlich kein Pling, sondern halt einfach nur ein Schnappen. Wie sinnlos. Ich brauche dringend Geld.

In Christiania beobachte ich einen jungen Typen mit deutschem Akzent, der sich Haschisch kauft. Er muss die Scheine gegen das Licht halten, um den richtigen Betrag herauszugeben. Da ist einiges drin. Ich folge dem Typen und sehe, wie er sich weiter oben auf dem Baumstamm einen Joint dreht. Er zündet ihn an und legt den Kopf in den Nacken. Ich warte ein paar Minuten ab.

»Darf ich mich zu dir setzen?«

»Klar.« Er inhaliert und hält mir die Tüte hin, dann fragt er: »Wo kommst du her, was verschlägt dich hierhin?«

»Ich hatte vor längerer Zeit mal einen Job als Heizungsableser in Berlin. Dann hat mich jemand wegen irgendeiner erfundenen Gaunerei angeschwärzt, naja, irgendwie gingen dann ein paar andere Sachen in die Brüche und dann bin ich hierhergekommen. Seit dem versuche ich, mich hier durchzubringen. Und du?«

In den Pyrenäen

Die enge Wendeltreppe hinauf, geblendet von dem schräg durch die verstaubten Einfachverglasungen fallenden Sonnenlicht. Erster Stock. Die Stufen knarzten unter den bedächtigen Schritten, die grün gestrichene Decke glitt dicht über ihren Scheitel vorbei. Zweiter Stock, Laura versuchte ihren Atem zu beruhigen und fragte sich, ob das Herzklopfen allein von der Anstrengung des Treppensteigens käme. Es ist noch nicht lange her, dass sie das letzte mal hier war, vielleicht eine Woche. Da war sie mit einer ganz anderen Selbstverständlichkeit diese sich in ihr eigenes Innere drehende Treppe hinaufgestiegen. Hatte sie da auch schon so schwer geatmet? Dritter oder vierter Stock? Ihre Handflächen rutschten über das unebene Holz des Treppengeländers. Das war die Tür, Laura trat auf die Schwelle und klingelte, sie wippte absichtlich auf den Fußballen und murmelte ein wenig, um nicht den Anschein der Heimlichkeit zu erwecken. Einen Augenblick später hörte sie, wie die Türkette zurückgeschlagen wurde.

Etwas früher. Es sei besser, wenn sie es beendeten. Er könne das nicht mehr, seine Kräfte seien erschöpft. Ein kurzer Vortrag darüber, wie er sich die letzten Monate gefühlt habe. Dass sie Zeit brauche, um wieder zu sich zu finden, sie hätte sich verloren, sie könne so nicht weitermachen. Die Situation verlor sich irgendwann und der Bonsai ließ sich von Laura ein paar Blätter zupfen. Sie nahm ein paar fast vergessene Briefumschläge vom Schreibtisch, die sich von ihr öffnen ließen. Kleine schwarze Zahlen, kaum zu entziffern, tief aus den Eingeweiden eines anonymen Apparats. Mehrere Bögen roter Zahlen. Werbung. Eine große Tageszeitung, die sie nicht abboniert hatte. Mahnungen. Wer stopfte ihr eigentlich die ganze Papiermasse in den Briefschlitz? Eine Postkarte von einer Insel, die sie nicht kannte. Sie stellte sich vor, wie sie den Sand in ihrer Faust zerdrückte, wie sie die ganze Insel zerdrückte und tief im Meeresboden vergrub. Sie drehte die Postkarte um, Werbung für ein Reisebüro. Sie nahm ihr Handy und schickte ihm ein paar SMS, legte es wieder weg und rauchte. Ein weiterer Brief entfaltete sich vor ihren Augen, sollte der Strom abgestellt werden? Oder das Internet? War das nicht das selbe? War das ein böser Streich, den man ihr spielte? Noch eine SMS und zwei Anrufe. Wo sollte sie anfangen? Unvorstellbar, sie sei nicht liebenswürdig. Das war doch alles gar nicht ihre Schuld. Seine aber auch nicht, er meinte ja, dass es hier gar nicht um Schuld gehe, dass sich die Dinge so entwickelt hätten, dass man es nicht habe kommen sehen. In der ganzen Sache musste es ein Muster geben, eine verborgene Struktur. Eine Einladung zum freikirchlichen Gottesdienst kommenden Sonntag. Ein handgeschriebener Zettel von der Vermieterin, der Schornsteinfeger sei letzte Woche in ihrer Wohnung gewesen, habe irgendwas abgelesen. Hat sie ihm die Tür geöffnet? Die Vermietung hatte sich nicht mehr gemeldet, also musste sie ihn reingelassen haben. Hitze kam in ihr auf, sie spürte, wie sie zu fiebern begann. Sie warf einen Blick über ihre Schulter um die Uhrzeit an der Mikrowelle abzulesen, aber die Mikrowelle war schon seit einem Monat nicht mehr da. So ganz konnte sie sich nicht daran gewöhnen. Sie kam ohne Mikrowelle besser zurecht, als sie es sich zugetraut hatte, aber sie versuchte immer noch, die Uhr an ihr abzulesen. In der Erde ihres Bonsais beobachtete sie ein paar Fliegenlarven. Die einzige Pflanze, die sie düngte. Sie konnte sich nicht erklären, wo die Tiere immer herkamen, aber der Zusammenhang musste von dem Dünger aus seinen Anfang nehmen, musste auch etwas mit den Rechnungen und Erik zu tun haben. Sie nahm sich Zettel und Stift und versuchte, die Kausalitäten abzubilden, an die Gedanken zu binden und die Gedanken wieder mit äußeren Umständen zu verknüpften und geriet schließlich in ein furchtbares Durcheinander. Sie tippte hektisch noch ein paar SMS. Auf dem Nachttisch lag noch das Buch, das Erik hier hatte liegen lassen. Es war Schuld und Sühne, es musste das dutzendste Mal sein, dass er diesen klebrigen Wälzer las.

Die Kette wurde aus der Schiene gezogen und klapperte gegen den Rahmen. Die Tür öffnete sich, erst einen kleinen Spalt, dann schwungvoll weiter. „Hey, wie geht es dir? Ich habe dich schon hundert mal angerufen, du bist nie rangegangen.“ In diesem Moment kamen ihr ihre Pläne vollkommen irrsinnig vor und sie warf sie mit einem Mal über Bord.

Naja, ich war beschäftigt. Ich wollte dir auch nicht zu viel von deiner Zeit stehlen und dir auch eigentlich nur dein Buch vorbeibringen, dass du bei mir vergessen hast.“

Das hatte ich ja ganz vergessen. Willst du vielleicht noch mal kurz reinkommen?“

Ehrlich gesagt wollte ich dir nur dein Buch zurückgeben.. Ich habe noch eine Verabredung.“ Sie fügte das mit Absicht hinzu, aber diese scheinbar beiläufige Bemerkung schien bei Erik keine Wirkung zu haben. Zum Abschied umarmten sie sich. Auf dem Heimweg dachte sie nach. Die drückende Hitze machte ihr zu schaffen. Im Grunde genommen ist es doch gut gelaufen. Viel besser, als was sie sich vorgenommen hatte. Zuhause angekommen war sie sich sicher, das Ganze einfach abschließen zu können, wie man so sagt, drüber hinwegkommen und die Vergangenheit einfach Vergangenheit sein lassen. So eine Sache war es gar nicht wert, dass man sich länger damit aufhielt. Sie könnte jetzt alles irgendwie anders machen, nochmal neu starten, da war ein Plan, ihr Plan, der sich in das Kausalitätennetz fügte.

Aber in dem selben Moment, wo der Fahrstuhl wieder zurückkehrte, kamen ihr ihre eigenen Gedanken wieder sehr einfältig vor. Sie begann wieder den Überblick zu verlieren, die geheime Struktur, ihre Gedanken verworren sich wieder und die Fahrstuhltür öffnete sich. Sie musste über sich selbst lachen. So hatte sich die Geschichte nicht zugetragen.

Die Kette wurde aus der Schiene gezogen und klapperte gegen den Rahmen. Die Tür öffnete sich einen kleinen Spalt und seine Augen fixierten mit stechendem Argwohn aus dem Dunkel. Ahnte er etwas? In dem Moment verlor Laura den Kopf und machte einen großen Fehler. Da sie befürchtete, Erik würde erschrecken, packte sie die Türklinke und schob die Tür etwas weiter auf, damit er nicht auf den Gedanken käme, die Tür einfach wieder zuzuknallen. Als er das merkte, versuchte er es zwar nicht, ließ die Klinke aber doch nicht los, so daß sie ihn mit der Tür beinahe ins Treppenhaus gedrückt hätte. Als sie sah, dass er hinter der Tür stehenblieb, sie nicht durchlassen wollte, ging sie direkt auf ihn zu. Er wich erschrocken zurück, wollte etwas sagen, schien es aber nicht zu können und starrte sie nur unverwandt an.

Hallo Erik“, begann sie möglichst ungezwungen, aber ihre Stimme wollte ihr nicht gehorchen, versagte und zitterte. „Ich bringe dir… das Buch…. Aber lass uns lieber hineingehen… ans Licht…“ Sie ließ ihn stehen und trat unaufgefordert in den Flur. Er eilte ihr nach, er hatte die Sprache wiedergefunden.

Oh Gott! Was willst du?“

Aber ich bitte dich, du hast noch das Buch bei mir vergessen, dass du so gerne hast.“ Und sie hielt ihm das Päckchen hin. Er blickte es kurz an, richtete aber sofort die Augen in die der unerwarteten Besucherin. Er war aufmerksam, gereizt und argwöhnisch. Es verging etwa eine Minute. Sie glaubte sogar in seinen Augen etwas wie Spott zu lesen, als hätte er bereits alles durchschaut. Sie fühlte, dasss sie im Begriff war, die Fassung zu verlieren, dass in ihr Angst aufstieg, eine solche Angst, dass sie, hätte er ihn noch eine halbe Minute länger angesehen, vielleicht davongelaufen wäre.

Warum siehst du mich denn so an, als ob du nicht wüsstest, wer ich bin?“, sagte sie plötzlich ebenso böse. „Wenn du willst, dann nimm das Buch, wenn nicht – gehe ich woanders hin. Ich habe keine Zeit.“

Sie hatte nicht vorgehabt, so zu reden. Die Worte kamen ihr wie von selbst über die Lippen. Erik hatte sich inzwischen gefasst, der entschiedene Ton seines Besuchs hatte ihn offenbar beruhigt. Er streckte die Hand aus und nahm das Buch. „Ja. Danke. Und warum bist du so bleich? Da, deine Hände zittern ja.“

Ich habe Fieber“, fügte sie mit letzter Anstrengung hinzu. Aber ihre Antwort klang überzeugend, er nahm das Päckchen.

Aber warum hast du es so fest eingepackt?“

Während er versuchte, den Bindfaden aufzuknüpfen, und sich dem Fenster, dem Licht zuwandte, ließ er sie einige Sekunden aus den Augen und kehrte ihr den Rücken zu. Sie knüpfte die Jacke auf und löste den Hammer aus der Schlinge, die sie an die Innenseite genäht hatte, holte ihn aber nicht hervor, sondern hielt ihn mit der rechten Hand unter der Jacke fest. Ihre Arme waren furchtbar kraftlos, sie spürte, wie sie mit jedem Augenblick mehr erlahmten und erstarrten. Sie fürchtete, dass sie den Hammer nicht würde länger halten können und ihn fallen lassen müsste. Plötzlich glaubte sie zu taumeln.

Aber wie du das verschnürt hast!“, rief er ärgerlich und machte eine Bewegung, als wollte er sich ihr wieder zuwenden.

Kein Augenblick war mehr zu verlieren. Sie zog den Hammer hervor, holte mit beiden Armen aus und ließ ihn, beinahe ohnmächtig auf seinen Kopf fallen. Sie hatte geglaubt, sie wäre kraftlos, aber kaum hatte sie den Hammer ein weiteres mal fallen lassen, da fühlte sie ihre Kraft wieder wachsen. Sein kurzes, dunkles Haar war wie immer stachelig eingegelt und verlor sich in den vereinzelt sprießenden Nackenhaaren. Der nächste Schlag traf ihn mitten auf den Scheitel. Er schrie auf, aber nur sehr leise, und sackte plötzlich auf dem Boden zusammen, obwohl er noch die Kraft hatte, beide Hände bis zum Kopf zu heben. In der Hand hielt er immer noch das Buch. Da schlug sie mit aller Wucht ein viertes und ein fünftes mal zu, immer mit der flachen Hammerseite, immer auf den Scheitel. Das Blut ergoß sich wie aus einem umgestoßenen Glas, und der Körper sackte zusammen. Sie trat mit der Spitze ihres Stiefels mehrmals unter das Kinn, sie deformierte den Kiefer bis er schräg herunterhing und sein Gesicht zu einer grässlich komischen Fratze verzerrte. Sie erinnerte sie an eine tote Kuh, die sie in jungen Jahren an einem heißen Sommertag bei einer Wanderung durch die Pyrenäen gesehen hatte. Die Kuh lag auf einer Anhöhe inmitten eines riesigen Federbetts, das die Vautoure hinterlassen hatten, als sie der Kuh beim Kampf um die Beute die Haut vom Unterkieger abgezogen haben mussten. Sie trat mit der Schuhspitze noch mehrmals unter die Schneidezähne, bis sie allesamt herausbrachen und zu einem blutrotten Klumpen verklebten. Sie ging einen Schritt zurück und beugte sich über sein Gesicht. Die Augen waren aufgequollen, und sahen so aus, als wollten sie aus den Höhlen springen, die Stirn und das ganze Gesicht waren zusammengedrückt und von einem Krampf entstellt, unterhalb der Nase nur unförmige Masse. Sie hatte den hilfesuchenden Blick in diesen Augen sehen wollen. Sie hatte ihn winseln sehen wollen und wie er über den Boden rutscht. Sie legte den Hammer neben den Toten auf den Boden und griff in die Brusttasche seine Hemdes, aus dem sein Handy herausragte. Sie bemühte sich, Flecken zu vermeiden, untersuchte ihre Kleidung. Als sie wieder auf der Schwelle zum Treppenhaus stand, überkam sie der Gedanke, dass die gesamte Situation nur ein Spiel, eine pure Möglichkeit darstellte und dass sie ganz einfach aus der Tür hinausspatzieren könnte. Sie musste über sich selbst lachen und ließ den Riegel ins Schloss schnappen.

Wenn man durch den Vordereingang kommt, steht man ein paar Schritte vor der Kasse. Ben bestellt sich einen Double-Cheeseburger, eine mittelgroße Cola und eine Portion in Ketchup getränkte Fritten. Der watschelnde Gang eines Kunden zur Kasse, das ratlose Zögern mit geöffnetem Mund, der Blick hoch zur Leuchtkarte. Auf der linken Seite befindet sich eine Trennwand: Viele fingerdicke Holzscheiben mit Zwischenräumen, durch die man auf den linken Bereich linsen kann. In diesem größeren Sitzbereich befindet sich an der hinteren Wand, senkrecht zur Eingangstür, die Kaffeebar mit der Vitrine, in der verschiedenste Kuchen, Donuts und Fruchtsäfte ausgestellt sind. Ben setzt sich an einen runden Tisch, der in einer Nische gelegen etwas abseits steht. Von hier aus kann man den Gang beobachten, links an der Kasse vorbei zu den Toiletten führt. Eine weile beobachtet er die Schilder, die an einem Nylonfaden von der Decke hängen und sich gleichmäßig wieder in ihre Ausgangsposition zurückdrehen. Der Luftzug der hereinkommenden Gäste versetzt die Schilder wieder in Bewegung. Er saugt an dem Strohalm und sucht in seiner Umhängetasche nach einem Buch. Er hat wieder vergessen, worum es gerade ging, blättert ein paar Seiten zurück, liest unkonzentriert. Er legt das Buch bei Seite und lutscht wieder an seinem Strohhalm. Er ist ohnehin nicht in der Stimmung zum lesen. Dann fällt ihm das Handy ein, dass er vorhin in der Bahn gefunden hat und kramt es aus seiner Jackentasche hervor. Es ist ein kleines schwarzes Samsung mit kleinen leuchtenden Tasten. Er entsperrt es und sucht im Hauptmenü nach der Bildergalerie, die er nicht findet, das Handy hat keine Kamera. Ben geht in den Nachrichtenspeicher unter „Gesendete Nachrichten“ und klickt sich bis zur ersten Nachricht runter.

(An Erik): Mir wird warm, wenn du schreibst!

(An Erik): Kümmer mich natürlich trotzdem um dich! :p

(An Erik): Hey, langsam mach ich mir echt sorgen! Meld dich mal! Grüße!

(An Erik): Du ich krig weder deinen fernseher noch deinen laptop an. Kannst mir bitte mal das pw schicken?

(An Erik): Bin bei Caro, alles gut. Habsch lieb. Rufst mich morgen mal an? Grüße

(An Erik): Moin mein lieber 🙂 kannst mich heut mal anrufen? Ich brauch mal deine hilfe. Grüße

(An Erik): Würdest du dich wieder bei mir melden? Mir geht’s mittlerweile auch besser

(An Nils): Moin dicker. Hat sich jetzt doch herausgestellt, dass ich Gott bin 🙂 kommst du mich Weihnachten besuchen?

(An Erik): Meld dich verflixt nochmal, kann doch nicht sein, dass du alles wegwirfst!

(An Erik): Bitte!

(An Erik): Ich kann das nicht glauben!

(An Erik): Keine Sorge, ich mache das alles Rückgängig!

(An Erik): Ich habe dich heute gesehen, du sahst so traurig aus!

(An Erik): Es ist alles gut Erik, vertrau mir!

(An Erik): bitte hilf mir

(An Erik): Ich verstehe jetzt viel besser, dass ich in der Lage bin, Dinge zu verändern. Ich habe eine Kraft. Ich möchte diese Kraft für uns beide nutzen 🙂

Das sind alle Nachrichten aus dem Ordner. Alle aus den letzten Tagen. Ben könnte das Handy ja einfach wegwerfen, ohnehin weiß er ja nicht, wer hinter diesen Namen steckt, man kann ihm das ja schlecht verübeln. Er öffnet den Ordner für empfangene Nachrichten und klickt sich wieder bis nach unten zu den ersten durch.

(Monique): Ich grüße Sie. Vielleicht haben Sie noch interesse am reden. Obwohl es nicht immer ganz leicht ist, zum thema buddhismus etwas zu sagen. Ich kann Ihnen dabei helfen, wie sie den Buddhismus mit ihrem Leben verbinden können. Es grüßt sie Monique

(Erik): Sorry hab nicht noch mal aufs handy geschaut. Nach einer Schlaftablette gestern abend bin ich übelst rumgesteuert, hat aber geholfen, 12h gepennt 😉

(Erik): Ich vermisse dich so sehr, deine nähe, deine küsse, deine berührung, einfach alles…

(Erik): Na guten morgen. Seit wann haben drachen schwarze haare?

(Erik): Hey, mir geht’s so lala… alles anstrengend hier „draußen“. Morgen komme ich mal zu Besuch, ca. um 2.

(Erik): Guten morgen, ich hab schon wieder von dir geträumt… die Begegnung im Traum war so schön und unkompliziert, ich glaub ich beam mich wieder dorthin zurück…

(Erik): Och meine süße, ich würde auch viel lieber mit dir irgendwo rumliegen. Kann mir vorstellen, dass es dort scheiße ist… lange musst du es nicht mehr aushalten. Hier ist es auch nicht besser, ohne dich.

(Papa): Wir kommen dich viellecith nach Weihnachten besuchen. Steht aber noch nicht fest. Und bezüglich deines Gottesgedankes muss ich dich enttäuchen!

(Nils): Servus, sry kann nicht telefonieren, bin arbeiten. Trotzdem frohe Weihnachten und lass dich nicht unterkriegen Digger, wir wollen doch mal in Zukunft nochmal zusammen feiern gehen 🙂

(Nils): Hey liebe, sorry, wenn ich micht jetzt erst melde. Aber im Gegensatz zu dir kann ich deine Situation kaum mit Humor betrachten. Weiss auch nicht, wie es mit dir in deinem „gott-mode“ weitergeht. Gut, das du mit deiner family wieder Frieden geschlossen hast. Leider überrascht es mich nicht, dass du wieder in Steinberg bist. Probier diesmal die Medi. Ich versuch morgen mit Rudi mal vorbeizukommen. Also dann, halt die Ohren steif.

(Papa): Yoho! Gesundes neues Jahr noch. Hoffentlich findest dieses Jahr deinen Platz im Leben. Mamas neue Nummer schick ich dir noch meine gute. Kein Problem…

(Mama): Dein Opa wird jetzt zur Singstunde abgeholt

(Erik): Hey, ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es besser für uns beide ist, wenn wir uns nicht sehen. Jeder von uns sollte seine Kraft für sein Leben nutzen. Bitte respektiere meinen Wunsch

Ben war enttäuscht. Er hatte gehofft, er würde auf ein paar anzügliche Botschaften zu sehen bekommen. Aber nichts davon, alles vollkommen uninteressant. Er legt das Handy umsichtig auf einen Stuhl neben ihm. Aus der Küche steigt Dampf auf, ein Automat piept energisch, das Rasseln der durch die in blauen Plastikhandschuhen eingepackten Hände gleitenden Kette, mit denen die Mitarbeiterin draußen vor der Fensterscheibe die Stühle sichert. Die verdoppelten Spiegelreflexe auf der Glasoberfläche des Bildes hinten links, auf dem vier junge Leute beim Kaffeetrinken in McDonald’s zu sehen sind. Die Wände sind mit bunten Bildtapeten bekleidet, auf denen verschiedene Motive abgebildet sind. Auf einer sieht man einen Frauenmund, der in einen Apfel beißt. Eine andere zeigt eine Frau, die im Begriff ist, eine Fritte zu essen. Eine weitere zeigt einfach nur riesen große, gelbe Fritten.

Gleich wieder da

Glassplitter im Fuß. Das passierte ihm immer häufiger und kümmerte ihn immer weniger. Er bahnte sich seinen Weg durch umgestoßene Aschenbecher, Chipstüten, in denen nur noch Reste waren, unbeschriftete CD-Rohlinge, zerdrückte Zigarettenschachteln, Pizzakartons mit Pizzarändern, Bierflaschen, in denen nur noch ein vergessener Schluck war, schmutzige Wäsche und vollgerotzte Taschentücher. Unterwegs trat er einer schlafenden Person, die er nicht kannte, auf die Hand. Er war sich sicher, dass mindestens zwei Finger gebrochen waren. Keine Reaktion. Im Badezimmer gab es keine Spiegel, hier schaute sich niemand in sein Gesicht. Er gab sich mit dem Radkappen-großen Fleck zufrieden, der dort anstelle eines Spiegels hing. Er pisste ins Waschbecken. Unter der Decke schwebten tote Fische. Im Wohnzimmer trat er ausversehen auf den drei beinigen Hund. Er heulte lang und gedehnt auf, schien nicht mehr aufzuhören. Völlige Überforderung, er wusste nicht, was er mit ihm tun sollte. Hier und da regten sich ein paar Köpfe, die sich kurz darauf wieder uninteressiert umdrehten. Er nahm die versiffte Bong, in der ein Schluck stygisches Wasser unheilvoll umherschwappte. Er füllte das Köpfchen mit einer Mixtur aus Autoreifen, Blei, Tabakkrümeln und ein paar Marijuanaresten, zündete es an und zog es tief in seine Lunge, seine Seele. Wirklich high war er schon lange nicht mehr gewesen, es ging ihm nur noch darum, einen gewissen Zustand des Vergessens aufrechtzuerhalten, der ihn diese schmierige Situation vergessen lies, den Zustand der ihn die Namen der anonymen Gestalten um ihn herum vergessen machte. Manche von ihnen gingen noch zur Schule und lebten hier, manche kamen nur ein zwei Mal im Jahr vorbei. Er suchte auf dem Boden nach ein wenig Kleingeld, packte den Hund am Halsband und verließ die Wohnung. Er setzte den Hund draußen auf dem Boden ab. Mit einem Ausdruck unendlicher Treue in den Hundeaugen blickte ihn das Tier an, unfähig sich zu bewegen. Es war noch früh. Es war niemand hier.

Der Araber im Kiosk war gerade alleine, als er sein Hab und Gut gegen eine Fliege verteidigte, die Ausdruck eines übergeordneten, abstrakten Prozesses der Natur war, alles auf diesem Planeten wieder zu formloser Masse werden zu lassen. Er schnippte die Chitin-Reste in den Papierkorb. Er nannte das „Menschlichkeit“. Ein Mann kam durch die Tür, kaufte eine Tüte Milch, Longpapes und ein Bier. Er hatte nicht genug Geld, er sagte er sei im Moment ein bisschen schwach auf der Brust. Der Araber schenkte ihm die 20 Cents, die ihm fehlten. Der Mann verschwand wieder. Der Araber blickte auf die Uhr. Es war Zeit, er schloss den Laden ab und hängte ein „Bin gleich wieder da“-Schild vor die Tür. Er mischte sich einen Gin-Tonic und vergaß sich. Aus dem städtischen Abfallbehälter vor dem Kiosk jaulte es.

Frühstück in der Höhle. Ausgedrückte Joints wurden angehauen, Chipsreste und Pizzaränder wurden gemeinschaftlich verzehrt, die Wesen erinnerten sich an die vergessenen Bierschlücke und husteten blutigen Auswurf in die vollgerotzten Taschentücher. Ein Fernseher lief stumm, der schlechte Empfang zerriss das Bild. Die Hyänen krochen durch ihre eigenen Kadaver auf der Suche nach Essbaren. Einer saß in der ecke und trank frische Milch. Die Luft war übersättigt von Rauch, Schimmel und allgemeinen Überdruss. Die Temperatur stieg an, man schwitzte. Zwei stritten sich heftig, der eine vermisste plötzlich seinen Dackel, der andere hielt ihm zwei gebrochene Finger unter die Nase, bevor er ihm damit eine reinhaute. Einer trank grauen Apfelsaft, der keinen Geschmack hatte. Einer dachte an eine Frau, die er nie gesehen hatte. Waren es überhaupt seine Gedanken? In der Höhle war es weniger wichtig seinen eigenen Besitz zu deklarieren als den anderen zu sagen, was ihnen gehörte. Die Grenzen verschwammen. Die Fische unter der Decke schwammen nicht mehr. Der mit der Milch schnappte sich irgendein Portemonnaie und verließ die Wohnung für immer. Er hörte die Schreie der Walrösser noch im Treppenhaus. Es waren modrige Anschuldigungen, die sich um längst vergessene Angelegenheiten drehten. Vielleicht würde dieses Loch irgendwann verbrennen, keiner würde es vermissen. Er wusste nicht warum, aber er dachte an eine verkrüppelte Fliege, die sich unter der Last zerknüllter Zeitschriften an einem Fetzen Salami stärkte.

Er kam am Kiosk vorbei und blickte aus reiner Neugier heraus in den Abfallbehälter. Der Hund war schon tot. Als er in den Kiosk blickte, sah er den Araber kotzend über einen Papierkorb. „Bin gleich wieder da“.

Es war eine rein logische Schlussfolgerung gewesen. Er war austauschbar geworden, kam sich durchsichtig und unwichtig vor. Seine Persönlichkeit, seine gesellschaftliche Rolle, all das hatte keine Bedeutung für niemanden. Sein Vorname war von einem Bekannten durch Pseudonyme ersetzt worden und den Nachnamen hatte er schon vergessen. Er wusste weder wer er war, noch wo er herkam. Er wusste nicht mal, wie er aussah. Er hatte kein Interesse für sich selbst und daraus musste ein Desinteresse an allem anderen resultiert sein. Alle Fragen, die er sich gestellt hatte, hatte er sich immer mit einem „Und wenn schon“ beantwortet. Er sprach nur noch in Phrasen, er wusste nicht einmal mehr, was sie bedeuteten. Er verließ sich selbst an Ort und Stelle. Die letzten Reste seines Ichs verflüchtigten sich an der frischen Luft.

Wohlfühltemperatur

Irgendwann im Juni hatte Ben das Gefühl bekommen, dass er etwas wollte und war schließlich zu dem Schluss gekommen, dass es ein Auto sein musste.

Er mochte die Glasfronten des BMW-Autohauses, auf denen scharfkantige Lichtreflexe wie aufgeklebt aussahen. Er liebte die Ebenheit des Marmorbodens im Inneren des Gebäudes, der mit einem hauchdünnen Wasserfilm überzogen zu sein schien. Um ihn herum waren, mit viel Luft dazwischen, makellos glänzende Neuwagen ausgestellt, deren Lack verführerisch glänzte. Dieser Ort war nicht bloß sauber, sondern rein. Eine Verkäuferin mit schwarzen Stilettos von Gina aus glänzendem, schwarzen Lackleder, reichte ihm zur Begrüßung ihre angenehm kühle Hand. Ihre formvollendete Erscheinung fügte sich optimal in den Raum ein.

„Guten Tag, ich heiße Antje. Kann ich ihnen helfen?“

„Ja Antje, ich denke, ich suche ein Auto. Aber mir fällt die Wahl ein bisschen schwer, ich verstehe auch nicht besonders viel von Autos.“

„Das ist kein Problem. Ich mache erstmal einen Kaffee und dann unterhalten wir uns über ihre individuellen Bedürfnisse, damit ich ihnen ein Automobil heraussuchen kann, dass perfekt auf sie zugeschnitten ist und sie glücklich macht. Setzen sie sich dort drüben hin, ich bin sofort bei ihnen.“ Sie lächelte und dirigierte ihn zu zwei Stühlen, die an der Glaswand standen.

Er setzte sich auf einen Bauhaus-Sessel und schaute ihr zu, wie sie den Kaffee zubereitete. Mit flinken, aber liebevollen Handgriffen bediente sie die Kaffeemaschine. Virtuose Handgriffe, mit denen seine Mutter damals die Saiten der Küche in Harmonie zum klingen bringen konnte. Es war ein vollendet volledelter spitzen-Kaffee, dessen Verwöhnaroma Ben in die Nase stieg und in ihm ein wohliges Gefühl von Geborgenheit erzeugte. Schön, dass es noch so etwas gutes gab. Das Telefon klingelte und während sie telefonierte, blätterte er in einer Zeitschrift. Darin standen ein paar kleine Artikel, die von Menschen verfasst worden waren, welche einmal im Koma gelegen hatten. Ein junger Mann aus Kanada, der auf dem Foto eine Northface-Jacke trug, schrieb: „Nach dem Crash sagte man mir, dass ich zwei Wochen im Koma war. Erst nach drei Monaten konnte ich Apfelmus schlucken und ‚aah‘ sagen. Ich war Blind und die Ärzte sagten mir, ich werde vielleicht nie mehr sehen. Ich weiß noch den Moment, als ich plötzlich Gelb und Orange gesehen habe. Die Sonne geht auf, habe ich gesagt. In Wirklichkeit war es ein Shell-Tankstellenschild.“

Antje kam zurück und servierte den Kaffe in kleinen weißen Tassen auf dem Glastisch, der zwischen den beiden Bauhaus-Stühlen stand. Er nahm einen Schluck. Das Aroma war eine exzellente Komposition, die sich nur durch eine schonende Röstung erreichen ließ. Sie lächelte und zückte einen silbernen Diplomat-Kugelschreiber.

„Nun, dann erzählen sie mir mal, wer sie sind und was für Wünsche sie haben. Haben sie eine Familie?“

„Ja, schon. Also ich besuche oft meine Eltern, beziehungsweise früher war das so. Er ist schon sehr alt und kriegt nicht mehr allzu viel mit. Meistens saß meine Mutter in der Küche und löste Kreuzworträtsel bis mein Vater sich wieder einnässte und sie dann alles waschen musste. Naja, damals, jetzt nicht mehr.“

„Oh, ist ihr Vater gestorben?“

„Nein, meine Mutter, vor zwei Wochen. Mein Vater hat jetzt eine Pflegerin.“ Er kratzte sich hinterm Ohr und blickte auf ihre Schuhe. „Und ich habe ein wenig Geld geerbt und brauche jetzt ein Auto.“

„Ja, genau, also sie haben keine Frau oder Kinder?“

„Nein, habe ich nicht.“

„Gut, dann fallen für sie schonmal die ganzen Familienmodelle weg. Worauf kommt es ihnen denn bei einem Auto an?“

„Ich möchte in meinem Auto gemütliche Sitze, in die man sich schön hineinkuscheln kann. Eine Sitz- und Rückenheizung wären nicht schlecht.“ Er lehnte sich zurück und blinzelte durch die Glaswand auf die Fassaden der umliegenden Häuser, während Antje sich Notizen machte.

„Das ist kein Problem, das ist bei uns in den meisten Modellen serienmäßig enthalten.“ Sie schlug die Beine übereinander und wippte seicht mit dem linken Füßchen. Der Stiletto, in dem es steckte, machte eine verschwenderische Kurve von den lackierten Fußnägeln bis hoch zur Ferse.

„Das Auto muss einen schwarzen Lack haben. Es muss richtig glänzen.“

„Auch das ist kein Problem. Durch neueste Forschungsergebnisse war es uns möglich, einen neuen Speziallack zu entwickeln, der Wasser einfach abperlen lässt. Die Tropfen nehmen dabei Schmutz auf, sodass ihr Wagen sich von selbst reinigt und immer glänzt.“

„Ja, unbedingt, das will ich.“

„Gut. Was fällt ihnen noch so alles ein?“

„Der Wagen sollte sehr schnell sein, vor allem schnell beschleunigen. Es soll Spaß machen, es soll ein richtiges Erlebnis sein, das Auto zu fahren. Allerdings sollte es dabei auch eine gute Umweltbilanz haben und wenig verbrauchen. Ein angenehmes Lenkrad, dass perfekt in meinen Händen liegt. Und es ist besonders wichtig, dass der Wagen ganz leise ist.“

Sie unterhielten sich noch über technische Details, bis sie ihn schließlich herumführte und ihm die Autos zeigte. Ein Modell erregte aufgrund seiner formvollendeten Erscheinung Bens besondere Aufmerksamkeit.

„Was ist mit dem?“

„Also dieses Modell dürfte ihren Bedürfnissen vollkommen entsprechen. Es hat ein sehr ausgewogenes Fahrverhalten und punktet vor allem beim Design. Besonderer Wert wurde auf Sportlichkeit gelegt. In der Ansicht von vorn fällt die emporgewölbte Haube auf, an den Flanken kann man gut die starke Profilierung der zulaufenden Linien erkennen. Sie können sich gerne mal hineinsetzen.“

Ben stieg in den Wagen und sie setzte sich auf den Beifahrersitz, wobei sich ihr schwarzer Rock ein paar Zentimeter nach oben schob. Er fuhr mit den Fingerspitzen über die glatte Wurzelholzverkleidung des Amaturenbretts, umfasste das Lenkrad. Ihm gefiel dieser spezielle Neuwagenduft, der typisch war für alle Autos dieser Marke. „Gibt’s den auch in schwarz?“

„Selbstverständlich.“ Sie lächelte. „Dieses Modell ist konsequent elektrisch konzipiert und mit seinem emissionsfreien Antrieb sehr effizient. Es ist elegant und vor allem nachhaltig designt, aus leichtem und hochfesten Carbon. Mit einer intelligenten Vernetzung ist es geschaffen für die Mobilität von morgen. Bei diesem Modell stellt sich die Frage nicht, ob man sich für Nachhaltigkeit oder Spaß entscheiden soll. Unser Unternehmen will dem Kunden mit diesem Auto vor allem ein Versprechen erfüllen: Freude am Fahren.“ Sie zupfte ihren Rock zurecht. „Sie werden merken, wie sehr sie ihren neuen Wagen genießen werden. Ich denke, er passt einfach perfekt zu ihnen.“

„Ist das Auto auch sicher?“

„Das gehört zum Konzept: Dieses Modell vereinigt Abenteuer bei gleichzeitig garantierter Sicherheit, wie zahlreiche Tests belegen.“

„Ich kaufe es. Ich liebe dieses Auto.“

„Sie können natürlich noch vorher eine Probefahrt machen.“

„Nein, ich kaufe dieses Auto und ich möchte es sofort mitnehmen.“

„Das ist kein Problem.“ Sie machte die nötigen Unterlagen fertig und er unterschrieb alles. „Ich beglückwünsche sie zu ihrem Kauf. “

Er stieg in seinen Wagen und gab in das Navi das erste ein, was ihm einfiel. Zum Spaß fuhr er in Schlangenlinien und drückte sich fest in den Sitz hinein. Der Wagen dämpfte optimal das Brausen des Windes, der an seinem aerodynamischen Shaping entlangfuhr. An einer Ampel blieb er stehen. Es hatte angefangen zu regnen und die Tropfen perlten an der versiegelten Außenhaut des Autos ab. Perfekte Wohlfühltemperatur im Auto dank Sitzbeheizung. Ein Junge schoss in einer kleinen Seitengasse seinen Ball mit aller Kraft, die sein junger Körper aufbringen konnte, gegen eine Mauer. Der Ball prallte immer wieder zurück und der Junge trat immer fester gegen ihn. Als der Regen stärker wurde, nahm der Junge seinen Ball und verschwand durch die Gasse. Ben legte den Kopf in den Nacken und schloß die Augen. Jemand hupte, er riss das Lenkrad rum, drückte das Gaspedal durch und raste in die Gasse hinein. Mit der Beifahrerseite riss er an der Mauer entlang, bis er gegen eine Laterne prallte und zum Stillstand kam.

Zirkulationen

Eine Motte zieht ihre Kreise um das monospektrale Licht einer Straßenlaterne, die sich gelangweilt in die Dunkelheit hineinlehnt. Der schwellende Rhythmus des Windes bringt den Falter zum flackern, bis er von dem zuckrigen Leuchten eines Kerzenlichts angezogen wird. In großen, ausufernden Bewegungen nähert sie sich der Fensterscheibe, hinter welcher der Wachs als zähe Klumpen in eine Marmorschale tropft.
Ich sitze in einem abgedunkelten Zimmer und höre das Klopfen eines Insekts an meinem Fenster, das versucht in meine Behausung einzudringen. Der Raum wird von den schillernden Irrlichtern meines stummgeschalteten Fernsehers beleuchtet. An der Wand ein Fleck, der ein bisschen wie ein Fisch aussieht. Aus der Küche dringt das Brummen des Kühlschranks, durch den Kühlflüssigkeit gepumpt wird. Damit das Bier gekühlt wird und der Alkohol später zusammen mit meinem Blut durch meinen Körper gepumpt wird. Ich höre, wie das Abwasser meiner Nachbarn durch das Haus gepumpt wird und die Autos, die auf den Straßen durch die Nacht gepumpt werden. Auf der grellen Mattscheibe, im Teleshoppingkanal, wird ein Staubsauger vorgeführt, der alles erdenkliche in konzentrischen Kreisen aufsaugt. Ein Plagiat. Immer das Gleiche, nur jedes Mal anders. Der Fleck an der Wand sieht nun ein bisschen anders aus. Könnte auch ein Fahrrad sein. Oder ein Papagei. Was weiß ich. Jeh mehr ich den Fleck anstarre, desto weiter entfernt er sich von mir. Ein billiges Mantra, wie wenn man sich zu lange im Spiegel ansieht oder seinen Namen zu oft sagt. Ich wechsel den Sender und schaue einen Film, in dem ein Mädchen in einem blauen Kleid vor seinen Eltern hin und her hüpft. Die Eltern rufen es zurück, aber dann fällt es hin und schürft sich auf den matten Kiessteinen ein Knie auf. Ein schönes, blutendes Knie, das an der Sonne glitzert und mit dem blauen Stoff ihres Kleides verklebt. Aber ich schalte wieder zurück, wo der Staubsauger, eine schwarze Schnecke, über den Boden leckt. Ich muss hier raus.
Die Straßen glänzen und werfen einen trüben Schein auf die umliegenden Fassaden. Ich lasse mich eine Runde um den Block treiben. Irgendwann bleibe ich an einem schwach beleuchteten Schaufenster hängen, in dem sich Papiere bis unter die Decke stapeln. Vor meinen Füßen landet ein Zigarettenstummel und als ich nach oben blicke, sehe ich im Gegenlicht der Laterne nur noch ein Rauchwölkchen sich verflüchtigen. Ich verirre mich in einen Kiosk, wo ein alter Mann mit einer Zeitung seinen Besitz gegen eine Fliege verteidigt. Die beiden machen keine Bewegung, als ich mir eine Bierflasche aus dem Kühlschrank nehme und dem alten Mann das Geld hinlege. Ich öffne die Flasche und ziehe meine Kreise durch die Straßen. Ob ich mal eben Feuer habe, fragt einer. Er hat zwar verkrustete Lippen, aber ich finde ihn auch irgendwie liebenswürdig mit seinen strubbeligen Augenbrauen. Ich bereue es, nie mit dem Rauchen angefangen zu haben. Das sage ich ihm auch und entschuldige mich. Ich gehe ein paar Meter und krame dabei in meiner Tasche, wo ein Mikrofaserputztuch ist, das ich zwischen Daumen und Zeigefinger reibe. Auf dem Markt ist ganz schön was los, ein paar Leute trinken Bier, ein paar Leute trinken Kaffee, eine Frau trägt eine grobmaschige Wollmütze. Kinder lassen Ballons steigen, ich werde euphorisch. Es ist neunzehn Uhr, ehrlich gesagt trinkt hier kein Mensch Kaffee. Ehrlich gesagt ist der Platz menschenleer. Die Leuchtreklame eines Supermarktes zieht mich an. Eine Wendeltreppe, ein Schneckengehäuse, fleckiger Stahl. In einer Nische steht ein zugeknoteter Plastiksack. Der Gestank von heißem Gummi. Meterlange Reihen von Halogenröhren. Ein Rattenlabyrinth. Ein Kühlregal, Alaskaseelachsschnitzel (Lachsersatz). Was ersetzt den Lachs? Auf der Rückseite steht „Alaska Seelachs (theragra chalcogramma), gefangen im Nordostpazifik. Mir wird ein wenig übel, ich glaube, dass es besser wird, wenn ich den Lachsersatz mitnehme. Bayerntaler Scheibenkäse ohne Gentechnik, laktose- und glutenfrei. Kleine grüne Häkchen auf der Verpackung bestätigen das. In Ordnung, mitnehmen. Ferdi-Fuchs-Miniwürstchen. 5x20g. Ferdi-Fuchs spielt Frisbee und isst dabei Schweinewurst. Ferdi-Fuchs fährt Fahrrad und isst dabei ein Leberwurstbrot. Sympathischer Typ,
dieser Ferdi. Einpacken. Schinkenspicker verrät „Bei uns weiß man, was drin ist“. Dr. Boris Preuss und Nicole Riechelmann lächeln zustimmend vor einer Landidylle mit Windmühle posierend. Nicole hat Dr. Boris einen gelutscht, die Drecksfotze, desshalb durfte sie aufs Foto. Dr. Boris sammelt einfach nur Spielzeug-LKWs, sonst ist mit ihm nicht viel los. Wie von selbst kommt die Schinkenspickerwurst in mein Körbchen. Ich bin gerührt, als ich zu dem Spielzeugregal gelange. Ein Mädchen, das mit dem magischen Baumpalast für Elfenponys spielt. Das ist wirklich ein enormer Baumpalast und die Ponys haben alle eine Halskette mit einem magischen Glitzerkristall. Ich bin mir sicher, dass das meiner Lebenslage den entscheidenden Schub bringen wird, deshalb kommt auch das in meinen Korb. Mein kleines rotes Körbchen. Er ist auf Rollen und hat einen langen Griff, den man ausziehen kann. Ich fühle mich wie auf einen Flughafen, als stünde mir eine
weite Reise bevor. Paris Hilton singt „Stars are blind“ und ich fühle mich prächtig. Elektrische Zahnbürsten, Werkzeug, Kopfhörer, CD-Rohlinge, Motoröl, ewige Verdammnis, Wischmobs, Battarien. Die Regale sind dezimiert, der Laden wird bald schließen. Überall, wo die Regale fehlen, ist die Wand mit Plakaten der Art „Einfach Traubhaft“ „Mama Mia, Köstlich Frisch“, „Kerngesund und Saftig“ zugekleistert. An der Kasse kann ich von der Impulsware nicht genug bekommen, Schokoriegel, Schlüsselanhänger, Prepaidkarten, ich kaufe alles. Ich lasse mich raustreiben und stehe vor der Tankstelle an der kühlen Luft. Ferdi-Fuchs steht mitten auf der Kreuzung und trinkt dabei Benzin.
Ich zünde mir eine Zigarette an und gehe wieder zum Markt zurück. Auf dem Boden sitzt das Mädchen mit dem blauen Kleid, das sich mit äußerster Behutsamkeit die Kruste vom Knie knibbelt. Dabei summt es eine kurze Melodie, immer wieder von vorne. Ich bleibe ein wenig auf Distanz und schaue dem Mädchen zu, wie es Kastanien mit flinken Händen vom Boden aufliest und in eine Plastiktüte gleiten lässt. Ein kleiner Vogel landet vor ihr und sie lässt die Tüte fallen. Die Kastanien kullern über den matten Asphalt und sie singt „Komm, kleines Vögelchen“. Sie läuft dem Vogel hinterher und ich meinerseits laufe ihr hinterher. Sie ist ungewöhnlich schnell und ich habe Mühen mit ihr Schritt zu halten. Manchmal schlägt sie Haken, macht Purzelbäume, hopst im Kreis und ich schaffe es immer noch nicht, ihr auf den Fersen zu bleiben. Ich folge ihr in einen Park, wo sie am Ufer eines kleinen Bachs entlangtapst. Schlamm, in dem ich mit meinen Füßen stecken bleibe. Schorfige Baumrinden, an denen ich mir meine Hemdsärmel aufreiße. Schließlich bleibt sie an einer Stelle stehen, wo der Bach in eine unterirdische Führung hineinragt. Vorsichtig taucht sie ihren kleinen Fuß in das Wasser und bewegt sich plätschernd in die absolute Dunkelheit. Ich bleibe stehen und zögere, ihr in den Tunnel zu folgen. Doch sie singt „komm, kleines Vögelchen“ und ich folge ihr in das Dunkel. Eine Motte zieht ihre Kreise um das monospektrale Licht einer Straßenlaterne, die sich gelangweilt in die Dunkelheit hineinlehnt.